27. 05. 2012
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Der neue Stellenplan: ein völlig atypisches Verfahren
Eine ursprüngliche Vorlage für das Jahr 2008 und – aufgrund des Doppelhaushalts – eine zusätzliche für die Jahre 2008 und 2009.
Stadtdirektor Guido Kahlen erläuterte dabei dem Unterausschuss
Stellenplan in nicht-öffentlicher Sitzung die dahinter stehenden
Zielsetzungen der Verantwortlichen. „Absolut atypisch“, sei das
Verfahren zu dieser Vorlage ohnehin. Denn nach dem Beschluss zur
Einbringung eines Doppelhaushalts und der Abgabe entsprechender Anträge
auf Stellenzusetzungen hatten die einzelnen Dienststellen gerade einmal
eine Woche Zeit, ihre Bedarfe anzumelden. Trotzdem war das Interesse an
neuen Stellen für das Jahr 2009 offenkundig sehr hoch. 847 Stellen
wurden zusätzlich für 2009 offiziell beantragt. Das Organisationsamt,
dass diese Anträge üblicherweise innerhalb von sechs Monaten
untersucht, hatte bei diesem Weg lediglich zwei Wochen Zeit, eine erste
Bedarfsprüfung zu unternehmen. „Viel zu wenig“, wie Ingo Fleischer vom
Kölner Organisationsamt einräumte. Herausgekommen ist trotzdem eine
Bruttostellenzusetzung von mehr als 1000 Stellen für beide
Haushaltsjahre. Selbst nach Abzug der Abgänge blieb für das laufende
Haushaltsjahr ein Nettozuwachs von 453 (Vollzeit)Stellen und für das
Folgejahr gar von 495,53 neuen Vollzeitstellen, wie Kahlen erläuterte,
unterm Strich als rund 948 Vollzeitstellen.
Große Mehrheit beschließt Sperre / Ausführliche Beratung folgt im Herbst
In dem vor der Sondersitzung des AVR tagenden Unterausschuss
Stellenplan verabredeten die Parteien dann das weitere Vorgehen. Wie
von der Verwaltungsspitze angenommen, haben die Stadtratsmitglieder im
weiteren Verlauf des Jahres einen Vorbehalt beantragt, um in der
Septembersitzung nochmals über jede einzelne Stellenzusetzung zu
beraten. Während die „Haushaltsfraktion“ aus SPD, CDU und Grünen dem
Vorhaben zustimmte, lehnten die Liberalen im Stadtrat das Vorgehen ab.
„Wir haben dabei kein gutes Gefühl. Das ganze Prozedere hätte man sich
sparen können. Ohne Doppelhaushalt hätten wir ein geordnetes
Verfahren“, begründete FDP-Stadtrat Dietmar Repgen die ablehnende
Haltung seiner Fraktion. Auch bei den übrigen Fraktion klangen
kritische Töne an, ohne dass sie sich der grundsätzlichen Zustimmung
entzogen. So kritisierte CDU-Fraktionschef Winrich Granitzka die
Ungleichbehandlung von Angestellten und Beamten. Das Vorhaben, auf
Höherbwertungen der Tätigkeiten von Beamten im Jahr 2009 komplett verzichten zu wollen,
werde man so nicht mittragen. Allerdings wolle man bis zur
entscheidenden Ratssitzung eine Verständigung erreichen. Vonseiten der
Grünen wurden ebenfalls Bedenken vorgetragen. „Die Ziele sind völlig
unstrittig. Aber die Zusetzungen werden den Haushalt nachhaltig
belasten. Wir werden uns das sehr kritisch anschauen“, bemerkte
Ratsfrau Monika von Bülow in ihrem Statement. Und Michael Zimmermann,
Fraktionsgeschäftsführer der SPD und Vorsitzender des Ausschusses,
erwarte von der Verwaltung eine Einsparleistung vor allem für die
Stellenzusetzungen im kommenden Haushaltsjahr 2009. „Wir erwarten keine
Kosmetik, sonder eine echte Haushaltsentlastung“, erklärte Zimmermann.
Demografischer Faktor und deutliche Mehrkosten
Dabei wäre die Haushaltsbelastung alleine schon aus Gründen der
Umstellung des Haushalts auf das Neue Kommunale Finanzmanagement (NKF)
enorm gewesen. Galt es in den Jahren des Haushaltssicherungskonzepts
(ab 2002) noch ein so genanntes „Personalmanagement-Konzept“, das in
den Jahren 2003 und 2004 de facto zu einer Reduzierung des Personals
bei der Stadtverwaltung führte, so wurde trotz weiter bestehender
finanzieller Notlage bereits in den Jahren 2005 und 2006 wieder per
Saldo neue Stellen geschaffen. Die in diesem Jahr vereinbarten
Tarfiabschlüsse hätte aber – ohne die positive Entwicklung der
Gewerbesteuereinnahmen – jegliche Pläne zum Stellenausbau zunichte
gemacht. Alleine für das laufende Haushaltsjahr ergeben sich durch die
Tarifsteigerungen (inklusive Beamte) 14 Millionen Euro Mehrausgaben, im
Folgejahr sind es weitere elf Millionen. Dies setzt allerdings voraus,
dass es im kommenden Jahr keine Höherbewertungen von Beamten geben wird.
Dabei sind der Stadt in vielen Bereichen fast die Hände gebunden.
Nahezu die Hälfte aller notwendigen neuen Stellen (48 Prozent) gehen
auf das Konto gesetzlicher Verpflichtungen. Die ergeben sich zum
Beispiel aus der Kommunalisierung von Versorgungs- und Umweltämtern
oder der operativen Umsetzung des so genannten
„Bürokratieabbaugesetzes“. Alleine Letztgenanntes erfordert statt der
ursprünglich eingeplanten 20 bis 30 nun 70 neue Stellen beim Steuer-
und Kassenamt. Auch das ab August dieses Jahres in Kraft tretende
Kinderbildungsgesetz (KiBiZ) schlägt zu Buche und macht aufgrund der
von der Stadtverwaltung vorangetriebenen Bemühungen um eine höhere
Betreuungsquote insbesondere im Bereich der unter Dreijährigen gleich
162 neue Stellen (alle Zahlen gelten für beide Haushaltsjahre). Da sei
man mit den 23 Mehrstellen bei der Übernahme von Kindergärten aus
kirchlicher Trägerschaft fast noch glimpflich davongekommen, wie Kahlen
erläuterte. Unterm Strich schlagen die gestiegenen Personalzusetzungen
alleine in 2008 mit einem tatsächlichen Anstieg von (veranschlagten) 82
Millionen Euro zu Buche (619 Millionen in 2007, 701 Millionen in 2008).
Aufgrund der Verpflichtung zu Pensionsrückstellungen im Rahmen der
NKF-Einführung fällt der Großteil der Mehrausgaben allerdings nur
einmalig an. Für das Haushaltsjahr 2008 sind dies immer noch 62
Millionen Euro. Der Posten Pensionsrückstellungen ist allerdings in den
Folgejahren bereits in die Personalkosten eingepreist, wie Uli Langner
vom Personalamt bestätigte. Die Mehrstellen selbst machen mit 15
Millionen in diesem und 23,4 Millionen Euro im kommenden Haushaltsjahr
ebenfalls einen großen Anteil aus. Allerdings räumte Kahlen ein, dass
seine Fachleute davon ausgehen, mindestens fünf Prozent der insgesamt
für beide Jahre eingeplanten Mehrstellen nicht besetzen zu wollen. Das
würde unterm Strich eine Entlastung von knapp zwei Millionen Euro in
beiden Haushaltsjahren bedeuten, wie Kahlen abschließend verriet.
Vorbei die Zeiten sparsamer Haushaltsführung. Jetzt wird zugelangt.
Doch wer der Stadt nun vorwerfen will, nach Jahren des Verzichts und
der Kürzungen nun endlich aus dem Vollen zu schöpfen, muss einige
Aspekte bedenken. So ist fast die Hälfte aller neuen Stellen Ergebnis
gesetzlicher Verpflichtungen aus Bundes- und Landesgesetzen. Die alte
Gaststättenweisheit „Wer bestellt, bezahlt“, scheint für die
Organisationsleihe der übergeordneten Körperschaften in diesen Zeiten
nicht mehr wirklich zu gelten. Ob der Finanzierungsanteil der Kommunen
an ARGE und Unterbringungskosten oder die nur teilweise Finanzierung
der Personalübernahme in Versorgungs- und Umweltverwaltung bis hin zu
neuen Vorschriften wie einem gesetzlichen Anspruch zur Betreuung von
unter Dreijährigen. Man gewinnt den Eindruck, Bund und Länder
konsolidieren ihre Haushalte auf Kosten der Kommunen und sonnen sich
dabei im Lichte ihrer eigenen nicht wirklich gegenfinanzierten
Wohltaten. Konnexität war gestern.
Der andere große Batzen an Mehrausgaben ist ebenfalls nachvollziehbar.
Die Stadt will beispielsweise 162 neue Stellen zur Umsetzung des
Kinderbildungsgesetzes, mehr als 50 neue Stellen im
Gefährdungs-Sofort-Dienst oder weitere Stellen in der niederschwelligen
Betreuung von Jugendlichen, der Schulsozialarbeit oder bei der schon
angesprochenen U3-Betreuung. Dies sind zwar so genannte freiwillige
Ausgaben, aber sie geschehen nicht aus purem Selbstzweck einer
expandierenden Verwaltung. Längst gibt es Dienststellen in der
Stadtverwaltung, die aufgrund des Arbeitsaufwands aus dem
sprichwörtlich letzten Loch pfeifen, ohne die Situation insgesamt
tatsächlich spürbar zu verbessern. Hier muss nachgesteuert werden.
Beispiel gefällig: In den zurückliegenden Jahres der Haushaltssicherung
wurde 29 Stellen für Hallenwarte gestrichen. Ergebnis: Die Hallen
verfielen und müssen heute für teures Geld instand gesetzt werden,
Gleiches gilt für die Außenanlagen. Nun werden hier elf Stellen
zugesetzt, weil man wieder etwas mehr Spielraum hat. Ein Füllhorn sieht
anders aus. Eher werden die strukturellen Engpässe an ausgesuchten
Stellen ein Stück weit ausgedehnt. Gerade im Kinder- und Jugendbereich,
wo mehr als ein Viertel aller neuen Stellen eingeplant sind, macht
dieses Vorhaben Sinn. Nur so können Verwahrlosung, Jugendgewalt und
Perspektivlosigkeit halbwegs nachhaltig vorgebeugt werden. Das sollten
die Kritiker beachten, wenn sie urteilen.

























