27. 05. 2012
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Gemeinwohl im Sozialraum – Beratungsfolge beginnt mit Sondersitzung
Gemeinwesenarbeit und Sozialraumorientierung sind zwei Begriffe, die in den vergangenen Jahren wieder in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt sind. Für die beiden Ratsausschüsse Soziales + Senioren und Jugendhilfe war dies Anlass und Grund für eine rund zweistündige Sondersitzung, die am gestrigen Donnerstagabend im Ratssaal des Spanischen Baus stattfand. Insgesamt standen fünf Tagesordnungspunkte auf der Agenda. Nach einer professoralen Einweisung in die Thematik mit Fragen zur Begriffsklärung und der theoretischen Verortung ging es im zweiten Teil der aus fünf Vorträgen bestehenden Tagesordnung zur gemeinsamen Ausschusssitzung ging es dann zur Erläuterung praktischer Beispiele. Problematisch ist bei der ganzen Debatte vor allem die begriffliche Unklarheit der beiden Schlagworte "Gemeinwesenarbeit" und "Sozialraumorientierung". "Die Begriffe sind nicht wirklich klar, das liegt an der Praxis", eröffnete Prof. Dr. Werner Schönig von der Katholischen Hochschule NRW die Vortragsfolge. Aber auch wenn die inhaltliche Begriffsverwirrung auf den ersten Blick und für den interessierten Betrachter "ein wenig entmutigend" daherkommt. Das Ziel beider Begriffe ist das gleiche, auch wenn es tatsächlich Unterschiede in der Anwendbarkeit beider Bezeichnungen gibt.
Das oberste Ziel aller sozialer Arbeit ist die nachhaltige Verbesserung des Lebensumfelds im eigenen Viertel. Die Gemeinwesenarbeit hat dabei bereits eine mehr als ein Jahrhundert alte Tradition. Auch in Deutschland kennt man Gemeinwesenarbeit bereits fast eben so lange. So gehörte Gemeinwesenarbeit zum festen Bestandteil deutscher Sozialpolitik und Sozialpraxis in der Zwischenkriegszeit. Die Sozialraumorientierung hingegen stellt nach Ansicht Schönigs eher eine "Nische" dar. Und während Gemeinwesenarbeit eher den konkreten Einzelfall bzw. die einzelne Maßnahme, das Einzelprojekt meint, versucht die sozialräumliche Arbeit die Strukturen für nachhaltige Gemeinwesenarbeit zu unterstützen. In der Domstadt am Rhein gibt es elf Sozialräume, die jeweils ein Gebiet mit einem Einzugsgebiet von 20.000 bis 30.000 Menschen umfassen. Nach einer ersten Bestandsaufnahme versuchen die eingesetzten Sozialraumkoordinatoren vor allem die Vernetzung des Viertels und seiner vielen Initiativen voranzubringen. Prof. Dr. Dieter Oelschlägel von der Universität Duisburg-Essen machte in seinen Ausführungen zunächst einmal der Stadt und seiner langen Tradition aufwarten. "Von Köln aus sind in dieser Sache wichtige Impulse ausgegangen", gedachte der Pädagoge der gastgebenden Kommune. Mit einer aktivierenden Befragung soll vor allem auch das partizipative Element gestärkt und damit auch das Interesse an politischer Willensbildung entwickelt werden, so die Hoffnung der GWA-Experten.
Für Dr. Martina Lüttringhaus, ehemalige Stadträtin aus Essen, besteht die soziale Arbeit aus mehreren Säulen, in den Sozialraumorientierung und Gemeinwesenarbeit wesentliche, tragende Elemente sind. In Zeiten knapper Ressourcen muss GWA wie Sozialraumarbeit "ressourcenorientiert" sein. Das bedeutet in der Praxis vor allem die viel beschworene "Hilfe zur Selbsthilfe". Eine nachhaltige soziale Arbeit bedarf aber sowohl der kontinuierlichen Unterstützung durch hauptamtliches Personal der Kommune. Wichtig ist dabei, dass die Menschen vor Ort aktiviert werden, sich selbst für die weitere Entwicklung ihres Umfelds zu interessieren und an ihrer Gestaltung mitzuwirken. Dabei müssen die Menschen Ernstgenommen werden. "Soziale Arbeit ist nicht für, sie mit den Menschen", beschrieb Lüttringhaus die dahinter stehende Strategie. Dass nicht alleine Kommunen sich um dieses wichtige Politikfeld bemühen müssen, steht für die Chefin des Instituts Lüttringshaus außer Frage. "Soziale Arbeit wird in diesem Land immer noch wie ein Projekt diskutiert. Niemand würde auf die Idee, diesen Status auch der staatlichen Wirtschaftsförderung einzuräumen", so die Kritik der Expertin.

























