27. 05. 2012
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Gestaltungshandbuch will Spagat zwischen Standardisierung und Individualität
Wie soll die Stadt aussehen? Welche Qualitätsmerkmale und Materialien sollen im öffentlichen Raum gelten und zum Einsatz kommen, damit sowohl die Ästhetik als auch die Individualität gewahrt bleibt? Dies waren nur zwei der vielen Fragen, mit denen sich die Initiatoren, Planer, Landschafts- und Architekten in den vergangenen 18 Monaten beschäftigt haben. Inzwischen ist daraus eine Art Regiebuch für die kleinteilige Stadtraumgestaltung geworden. Und weil die Millionenstadt eben schon in großen Teilen gebaut ist, soll das Handbuch nicht als Aufruf zur kompletten Umgestaltung sondern als eine Art Orientierungsrahmen für die Zukunft verstanden werden, so die Referenten des gestrigen Abends. Bei ihrer Vorstellung ließen sich die Autoren des Handbuchs auch von Beispielen aus anderen Städten inspirieren. Am gestrigen Montag wurde das vorliegende Handbuch zunächst im Gestaltungsbeirat der Stadt diskutiert, am Abend war dann die Fachöffentlichkeit im Domforum geladen, rund 100 Gäste kamen. Dabei richten die Initiatoren das Augenmerk nicht nur auf die prominenten Ecken, Straßen und Plätze der Innenstadt sonder auf den gesamten Stadtraum.
Musterflächen auf dem Kurt-Hackenberg-Platz geplant
Die wohl wichtigste Nachricht am gestrigen Abend war die Ankündigung auf dem Kurt-Hackenberg-Platz nach Fertigstellung des Gleichwechselbauwerks und der Schließung der Baugrube die Möglichkeiten des Gestaltungshandbuchs der Öffentlichkeit zu präsentieren. Das soll in Form einer "Musterfläche" geschehen, in der die Verantwortlichen verschiene Materialien von Bodenpflaster über Naturstein bis hin zu Asphaltdecken aufbringen. Das soll der interessierten Öffentlichkeit die neu entwickelten Standards anschaulich machen, wie die Verantwortlichen ausführten. Mit dem Gestaltungshandbuch nahmen die Autoren unter fachkundiger Anleitung von Till Rehwaldt vom Planungs- und Architekturbüro Rehwaldt in Dresden den Roten Faden aus dem Masterplan Innenstadt auf und entwickelten verschiedene Standards entsprechend den räumlichen Voraussetzungen. Wunder und einen ästhetischen Quantensprung in Sachen Stadtraumgestaltung sind allerdings auch mit dem Gestaltungshandbuch nicht zu erwarten, wie auch Stadtraummanagerin Corinna Wagner eingangs betonte. "Wir werden die Stadt nicht von heute auf morgen umkrempeln. Ziel ist es vielmehr, für die verschiedenen Stadträume der Innenstadt Gestaltungsvorgaben in Sachen Bodenbeschaffenheit, Beleuchtung und Ausstattung mit so genannten Stadtmöbeln zu machen. Auch wenn es in Köln vielfach Flickenteppiche gibt, sind doch mit den jüngsten Sanierungsmaßnahmen – zum Beispiel am Eigelstein oder auf der Bonner Straße – bereits vorzeigenswerte Muster der Stadtgestaltung entstanden. Diese wurden bei der Erstellung des ersten Entwurfs berücksichtigt.
Einfache Regeln für komplexe und vielschichtige Stadträume
"Wir wollen aus dem Kontext des bereits vorhandenen öffentlichen Raumes heraus in einem Prozess eine höhere Qualität erreichen, ohne Altes sofort zu verwerfen", erläuterte Rehwaldt den Anspruch des Regiebuchs. Während in Sachen Beleuchtungskonzepte bereits vielversprechende Konzepte existierten, konzentrierten sich die Vortragenden bei ihren Ausführungen vor allem auf die Bodenbeschaffenheit. Die so genannte "Kölner Platte" – eine Standard-Betonpflasterung im Format 30x30 oder 40x40 wird dabei keineswegs verworfen, sondern ist integraler Bestandteil des Gestaltungshandbuchs. Überhaupt wollten die Autoren die Stadt und ihren öffentlichen Raum keineswegs neu definieren oder gar erfinden, sondern auf Vorhandenem aufsetzen und mit einer Art Orientierungs-Leitfaden behutsam weiterentwickeln. Analog zum Masterplan definierten die Verantwortlichen zunächst einmal sieben Teilräume – vom Rheinufer und seinem Boulevard-Charakter über die Einkaufs-City, die Ringe bis zu den äußeren Randbezirken der Innenstadt, der so genannten Neustadt. Eine wesentliche Rolle spielen dabei auch Belange der taktilen Bodenelemente (wichtig für die Barrierefreiheit), die Anordnung und Abgrenzung von Rad- und Fußwegen (nicht alle Radwege müssen in knalligem Rot markiert werden) sowie eine Einfassung der bisweilen recht uneinheitlichen Gebäudefronten. Hier bieten sich kleine Mosaikleisten an, die die vorhandenen Vorsprünge und Winkel einfassen und so für eine klare Wegeführung sorgen.
Die Bodengestaltung von besonderen Plätzen, zum Beispiel im Umfeld der so genannten sakralen Inseln – in der Regel ist damit der Dom und die Plätze rund um die Romanischen Kirchen gemeint – werden allerdings aus diesem Regiebuch ausgeklammert. Hinzu kommt, dass im Gestaltungshandbuch jeweils Optionen gezeigt und keine Vorabentscheidungen getroffen werden. Will heißen: Je nach Stadtraum (das Gestaltungshandbuch definiert sechs so genannte Raumtypen in der Innenstadt) sollen den Stadtplanern und Bauausführenden vor Ort Wahlmöglichkeiten überlassen werden, welche Pflastergrößen und welche Materialien sie verwenden wollen. So bieten sich beispielsweise am linksrheinischen Rheinufer keine allzu großen Pflastersteine oder Asphaltdecken an, weil dort Bäume stehen und die Wurzeln schnell zu Wegeschäden führen. Andererseits müssen auch die Belange von mobilitätseingeschränkten Personen berücksichtigt werden. Eine allzu kleinteilige Pflasterung mit vielen Unebenheiten ist nur bedingt praktikabel. So lassen die verschiedenen Stadträume durchaus Spielräume zu. Beispielsweise kann die Größe der Bodenplatten variieren. Längsplatten mit Naturstein versetzt ergibt so einen sehr ruhigen und ästhetisch hochwertigen Belag. Radwege sollten nur an gefährlichen Stellen mit roter Signalfarbe ausgefüllt werden. Und Parkbuchten, Baumscheiben und Kanaldecken sollten mit kleinteiligen Pflastern abgegrenzt und eingefasst werden, so einige der Vorschläge der Autoren.
Eine Auswahl von Stadtmöbeln zur Auswahl
Ähnlich den verschiedenen Bodenelementen sollten sich auch die Stadtmöbel wie Sitzbänke, Müll- und Papierkörbe, verschiedene Versionen von Pollern und Haarnadeln als Fahrradständer den Gegebenheiten vor Ort anpassen und sich harmonisch einfügen. Dazu listet das Gestaltungshandbuch zu jedem Stadtmöbel mehrere Varianten auf, die je nach Bedarf, Anspruch und Kostenaufwand bereit stehen. Einig waren sich die Diskutanten im Gestaltungsbeirat nach Aussage Rehwaldts vor allem in einem. Extrawünsche prominenter Immobilienbesitzer mit ganz besonders speziellen Bodenbelägen vor dem eigenen Firmensitz zukünftig dank des Handbuchs eher zurückgefahren werden. Dafür bietet das neue Regiebuch – einem Katalog nicht unähnlich – verschiedene Gestaltungsvarianten an. Der Kölner Flickenteppich an einigen Ecken entstand nicht zuletzt dadurch, dass diese Sonderwünsche nicht selten dazu führten, dass nach 20 oder 30 Jahren bei Reparaturen bestimmte Materialien gar nicht mehr verfügbar waren. So wirft das Handbuch auch einen Blick auf den ganzheitlichen Lebenszyklus eines Bodenbelags. Dabei muss das Regiebuch offen sein. Denn der Blick in die Geschichte zeigt, dass der Zeitgeist keineswegs konstant ist. In den Anfängen des Industriezeitalters war es beispielsweise auch in Köln üblich, die Fußwege zu asphaltieren und die Straßen zu pflastern, historische Bilder belegen dies. Heute ist es genau umgekehrt.
Die weitere Planung
Entscheidungsorgan ist der Stadtentwicklungsausschuss. Die Vorlage des Gestaltungshandbuchs ist von der Bezirksvertretung Innenstadt am 7. Juli bereits ungeändert beschlossen worden. Der Verkehrsausschuss als beratendes Fachgremium hatte die Vorlage zurückgestellt. Der Orientierungsleitfaden soll aber nach Vorstellung der Fachverwaltung in diesem Jahr beschlossen werden. Den gestern vorgestellten Entwurf des Gestaltungshandbuchs (Datei: Plan-Anlage 2) sowie weitere Informationen zum neuen Regiebuch finden sie auch im Ratsinformationssystem der Stadt Köln als pdf-Download unter: www.stadt-koeln.de.

























