27. 05. 2012
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Integrationsrat debattiert zum zweiten Mal über geplante Studie
Bereits in der vergangenen Sitzung des Ingtegrationsrates hatte es heftige Diskussionen um den damaligen Tagesordnungspunkt 4.3. gegeben. Unter der Leitung von Prof. Wolf D. Buckow haben die beiden Autoren Dr. UÄŸur Tekin und Daniela Lausberg von der Forschungsstelle für interkulturelle Studien an der Universität zu Köln sich wissenschaftlich an eine Thematik herangewagt, die jede Menge Sprengstoff birgt. Tatsächlich gibt es auch in Köln in den vergangenen Wochen und Monaten immer häufiger Meldungen über rechtsextremistische Tendenzen innerhalb der türkeistämmigen Community bis hin zur parteipolitischen Unterwanderung von Vertretern aus diesen Gruppen. Auch am gestrigen Dienstag war dieser umstrittene Tagesordnungspunkt wieder Thema. Der erste wissenschaftstheoretische Teil, eine Art Literaturanalyse und Methodenklärung, sollte eigentlich nur den Weg für eine empirische Studie bereiten. Aber mit einem Antrag der Gruppe "Dein Köln" wurde deutlich, dass selbst eine vergleichende Literaturanalyse, die lediglich bereits veröffentlichte Studien und Berichte zitiert und auswertet, bereits für Unmut und Protest sorgt. Zwar zog der Antragsteller Musa Cavus seinen Antrag auf sofortige Einstellung der Studie wieder zurück, die Diskussion darüber wird aber weitergehen. Grund für den Rückzug dürfte sein, dass bei der abschließenden Abstimmung im Integrationsrat lediglich der Vertreter der als rechtsextrem geltenden Formation "pro Köln", Jörg Uckermann dem Ansinnen der Antragsteller folgen wollte.
Antragsteller Cavus begründete seine Ablehnung mit grundsätzlicher Kritik. "Die Autoren haben Sachen einfach nur erfunden. Die Ausrichtung hat einen anti-islamistischen und anti-türkischen Hintergrund", so Cavus zur Begründung seines zweiseitig bedruckten Antrags in Zehn-Punkt-Schrift. Wie Cavus forderte auch Ilhan Uzun von der Liste Mevlana, die mit zwei Vertretern im neuen Integrationsrat sitzt, dass die Studie neu aufgelegt wird. "Wir brauchen eine unabhängige Untersuchung, nicht einseitige Sichtweisen". Selbst gemäßigte Mitglieder wie Turan Özkücük meldeten Bedenken gegen die Freigabe von Mitteln für den zweiten (empirischen) Teil an. "Mit einer solchen Studie gießen wir Öl ins Feuer", erklärte der Vertreter der LDK. Die Studie selbst spricht in ihrer Einleitung jedoch von einer lediglich theoretischen Fundierung einer Analyse, die nur mit dem zweiten Teil wirklich aussagefähig ist. "Die vorgelegte Studie ist der Versuch, die Rahmenbedingungen des Rechtsradikalismus im türkischen Milieu allochthoner Jugendlicher und Heranwachsender zu skizzieren, und damit die Kölner Strukturen, Aktivitäten, Einflussnahmen und Mobilisierungsversuche und -effekte sowie deren Kontexte zur gesellschaftspolitischen Situation in der Türkei und Deutschland herauszuarbeiten. Allerdings liefert der Teil I noch kein vollständiges Bild der Lage, da der weitere empirische Teil fehlt, damit ist noch keine Einschätzung der aktuellen Situation möglich. Das Ziel der Analyse der Rahmenbedingungen war es, die für eine empirische Analyse erforderliche theoretische Fundierung vorzunehmen und eine zielgenaue empirische Operationalisierung der Thematik vorzubereiten", steht dort geschrieben.
Große Mehrheit für Fortsetzung der Studie
Folgerichtig gab es außer von Rechtsaußen keine Unterstützung aus der Politik. Jörg Uckermann, selbst ausgebildeter Heilpraktiker, kritisierte die wissenschaftliche Methodik der Studie. "Die Studie wird formalwissenschaftlichen Kriterien nicht gerecht. Hier soll Geld für die Uni abgeschöpft werden. Das kann nicht sein", ereifert sich der Vertreter der als rechtsextrem geltenden Formation "pro Köln". Sein Verdacht, die Kosten für den ersten Teil der Studie (nicht 30.000 Euro, wie von den Gegnern behauptet, sondern nur 15.000 Euro) sollen aus dem Etat für Aggressionstraining umgeschichtet werden, widersprach die Vertreterin der Stadtverwaltung entschieden. Ina-Beate Fohlmeister, Leiterin des Interkulturellen Referats der Stadt, erklärte, dass die Gelder aus dem Etat "Anti-Rassismus-Mittel" stammen. "Es gab keine Umschichtung", bekräftigte Fohlmeister. Ansonsten gab es vonseiten der Politik indes keine Unterstützung. Sogar das Gegenteil ist der Fall. Während Sylvia Laufenberg die Formalien anprangerte ("Das ist kein wirklicher Antrag"), verwies CDU-Ratsmitglied Helmut Jung auf die Debatten im AVR und im Schulausschuss. Hier gab es den einhelligen Wunsch, die Studie fortzusetzen, weil gerade der zweite Teil der eigentlich entscheidende ist. Noch deutlicher wurden die Vertreter von SPD und Grünen. "Das Vorgehen finden wir richtig, die Diskussion darüber falsch. Ziel sind pädagogische Gegenprogramme, deshalb sind wir so scharf auf den zweiten Teil", erklärte Grünen-Ratsherr Ossi Helling. "Ich ärgere mich über die Diskussion. Gerade diese Debatte zeigt die Notwendigkeit von Teil zwei", erklärte SPD-Ratsfrau Cornelia Schmerbach. Und Grünen-Ratsherr Stefan Peil geht noch einen Schritt weiter. Er sieht den Vorstoß der Gegner sogar als Versuch, Forschung zu unterdrücken. "Man muss über alles forschen dürfen. Der Antrag ist geradezu verfassungswidrig".
Nachdem die deutliche Mehrheit des 32-köpfigen Gremiums dem Antrag in einer ersten Abstimmung keine Mehrheit geben wollte, zog Cavus seinen Antrag zurück. Die Verwaltung kündigte an, zum Start des zweiten Teils der Studie eine detaillierte Beschlussvorlage zu erarbeiten. Abschließend kam zudem heraus, warum einzelne Mitglieder so heftig gegen die Studie opponierten. Ihre Formationen wurden in der Studie namentlich als eine der untersuchten Formationen und Vereine aus dem rechtsextremistischen Umfeld genannt.
Kommentar
Wie bringt man "Licht ins Dunkel"? Im Allgemeinen bedarf es dazu einer wissenschaftlichen Klärung. Was im Bereich der Naturwissenschaften pure Logik ist, wird bei der Beschäftigung mit Menschen, Gruppen und anderen soziologischen Phänomen zu einer recht komplexen Angelegenheit. Nicht zuletzt der große Soziologe Sir Karl Popper wusste um die "Relativität" von Studien und Analysen in diesem Fach. Das Forschungsdesign ist jedoch immer das gleiche. Eine Studie, zumal eine wissenschaftliche, beginnt immer mit einer Einleitung in das Thema mit Begriffsklärungen und der kurzen Aufarbeitung des aktuellen Forschungsstandes. Dazu ist es üblich, dass die bisherigen Erkenntnisse gesichtet und kurz zusammengefasst werden. So erstellen jedes Jahr Zehntausende Studierende ihre Abschlussarbeiten im Bereich der Geistes- oder Sozialwissenschaften. Dass einige Mitglieder des Integrationsrates diese Studie offenbar um jeden Preis verhindern wollen, zeigt die Brisanz, aber auch die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Thematik.
Auch das Ziel ist aller Ehren wert. Wenn türkische Jugendliche Symbole rechtsextremistischer Organisationen benutzen, muss das nicht unbedingt direkt ideologisch motivierter Extremismus sein. Auch dieser These will die Studie nachgehen und das ist nach Jahrzehnten des "Stocherns im Dunkeln" mehr als geboten. Köln und die ganze Republik braucht eine wissenschaftliche Analyse und einen empirischen Befund über die Vielschichtigkeit unserer allochtonen Mitbürgerinnen und Mitbürger türkischer Herkunft. Das wird, so die Hoffnung der Auftraggeber, die Debatte ein Stück weit versachlichen. Wer das nicht will, muss sich die Frage gefallen lassen, warum er das Phänomen des (übersteigerten) türkischen Nationalismus im Dunkeln lassen will. Die Debatte zeigt aber auch eine hohe emotionale Betroffenheit. Trotzdem ist sie notwendig, schließlich soll sie helfen, mehr über die vielschichtige Gruppe der türkischen Migranten in Erfahrung zu bringen. Und Transparenz über die Hintergründe muss Ausgangspunkt möglicher Gegenmaßnahmen sein, sonst geht das "Stochern im Dunkeln" weiter. Und damit ist niemandem geholfen.

























