27. 05. 2012
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Noch eine Sondersitzung für Beschluss zur 2. Baustufe
Zusammen mit einer Vorlage für die Verlängerung der Stadtbahnlinie 5 in
das Industriegebiet Butzweiler Hof hinein sollte eigentlich eine
Entscheidung darüber stattfinden, ob der Planbeschluss zur zweiten
Baustufe nun Vorleistungen für eine Tieferlegung der Rheinuferstraße im
Kreuzungsbereich der zweiten Ausbaustufe der neuen Nord-Süd-Verbindung
enthalten soll oder nicht. Die Mehrkosten für eben jene Vorleistungen beliefen sich nach
Berechnungen der KVB auf etwas über fünf Millionen Euro. Doch entgegen
den ersten Planungen, die für die kurze Variante des Tunnels (etwa 80
Meter lang) Investitionen von fast 60 Millionen Euro kalkulierten, soll
nun nach detaillierteren Berechnungen die Gesamtinvestitionssumme sogar
auf unter 55 Millionen Euro sinken. Einziger Nachteil: Die
Vorleistungen, die nun im Falle einer entsprechenden Entscheidung
anfielen, erhöhten sich gegenüber der im Juni dieses Jahres vorgelegten
Kalkulation von 2,7 Millionen Euro auf eben jene fünf Millionen, wie
KVB-Vorstand Walter Reinarz in der heutigen Sitzung ausführte.
Politische Unklarheit und ein Kompromissvorschlag
Trotz der vorgetragenen Zahlen und eines Gutachtens über die
Verkehrsszenarien der unterschiedlichen Ausbauvarianten wollte der
Ausschuss keine Entscheidung herbeiführen. Dem Vorschlag der
Verwaltung, auf die Untertunnelung zu verzichten und stattdessen eine
„Aufweitung der Rheinuferstraße von vier auf sechs Fahrspuren
vorzubereiten stand ein Ergänzungsantrag der CDU gegenüber, der genau
diese Vorleistungen für eine Untertunnelung forderte. Doch statt einer
Entscheidung wurde die Entscheidung auf eine weitere Sondersitzung des
Verkehrsausschusses vertagt. Der soll am kommenden Donnerstag um 13 Uhr
stattfinden, zweieinhalb Stunden vor dem Beginn der entscheidenden
Ratssitzung. „Wir haben hier einen Entscheidungszwang, da wir die
Ausschreibungen bereits im Oktober umsetzen müssen“, erläuterte
Baudezernent Bernd Streitberger. Allerdings wolle man vonseiten der
meisten Parteien die vorliegenden neuen Zahlen nochmals in der Fraktion
diskutieren. Lediglich die Grünen zeigten sich entschlussbereit. „Wir
könnten darüber heute abstimmen“, erklärte die verkehrspolitische
Sprecherin der Grünen Bettina Tull. Da ihre Fraktion aber schon bei den
vergangenen Entscheidungen zur zweiten Baustufe ihre Ablehnung
ausdrückten, dürfte der vorliegende Vorschlag samt Alternative auch
weiterhin in den Grünen einen entschiedenen Gegner haben. Nicht zuletzt
wegen dieser Auseinandersetzung schlug der Vorsitzende des Ausschusses
Karsten Möring (CDU) vor, die Frage nach der Verkehrsführung von der
Frage der zweiten Baustufe und der Freigabe zur Ausschreibung
abzukoppeln. „Den Beschluss über eine Aufweitung oder Untertunnelung
können wir uns noch bis Ende dieses Jahres vorbehalten. Diese
Entscheidung ist nicht zwingend“, erklärte Möring. Damit wäre auch die
Unterstützung einer komfortablen Ratsmehrheit für die weiteren
Prozessstufen zur zweiten Baustufe gesichert.
Spannend bleibt die Frage, wie sich die SPD entscheiden wird. Zwar sei
man „tendenziell“ eher aufseiten der Verwaltung. Aber eben noch nicht
endgültig, wie der verkehrspolitische Sprecher der SPD Peter Kron zu
Protokoll gab. Nach derzeitigem Kenntnisstand dürfte das Votum der CDU
eben auch gegen die vorgeschlagene Fahrspurenverbreiterung sein, denn
inhaltlich ist der eingereichte Antrag auf Übernahme der Vorleistungen
eben nicht nur Ergänzungs-, sondern de facto ein Ersetzungsantrag, wie
Hans-Werner Hamm ausführte. „Wir dürfen uns unsere Reaktionsfähigkeit
an dieser Stelle nicht verbauen“, mahnte Hamm und warb für den Antrag
seiner Fraktion. Auch die Tatsache, dass die jüngste Berechnung der
Investitionskosten statt 60 für die kurze nun 55 Millionen Euro für die
rund 20 Meter längere Variante sogar günstiger ausfallen, stimmte die
SPD wiederum nicht auf CDU-Linie um. Bei den Grünen herrscht gar
grundsätzlicher Zweifel, ob diese Zahlen realistisch sind. „Dabei wird
es nicht bleiben“, erklärte Tull und auch ihr SPD-Kollege Kron
pflichtete bei. „Ich habe schon mal gehört, dass Bauwerke auch teurer
werden können“, deutete der SPD-Ratsherr süffisant an.
FDP-Verkehrsexpertin Christtraut Kirchmeyer wollte sich vor einer
endgültigen Entscheidung ebenfalls mit ihren Fraktionskollegen noch
einmal beraten. Ihre Befürchtungen, für den Bau eines Tunnel 60 bis 80
Millionen Euro ausgeben zu müssen, konnte Baudezernent Streitberger
aber noch aus einem anderen Grund relativieren. Grundsätzlich haben die
angedachten Baumaßnahmen Chancen, aus gleich zwei Zuschusstöpfen
mitfinanziert zu werden. Nach dem Eisenbahnkreuzungsgesetz gibt es eine
Drittllösung, nach der Stadt, Bedarfsträger und Bund jeweils ein
Drittel der Kosten mittragen, die straßenbaulichen Maßnahmen wiederum
könnten nach dem Gemeindefinanzierungsgesetz durch Landesgelder
unterstützt werden. Für die Kommune blieben Restkosten in Höhe von rund
20 Millionen Euro, wie Streitberger vorrechnete.
Unsichere Verkehrsprognose
Eine weitere Unsicherheit sind die unterschiedlichen Einschätzungen zur
zukünftigen Verkehrsdichte und den Verlagerungen vom Individual- und
den öffentlichen Personennahverkehr. So geht das Verkehrsgutachten
durch das Büro Verkehrsplanung Köhler und Taubmann GmbH, Frankfurt am
Main, davon aus, dass mit dem Planungsfall 2 (2. Baustufe) rund 8400
Fahrzeugbewegungen pro Tag wegfallen. Doch erst mit Fertigstellung der
3. Baustufe würde sich die Entlastung auf über 16.000 weniger
Fahrzeugbewegungen pro Tag bemerkbar machen. Grundlage waren dabei
allgemeine Verkehrszahlen, die auf bereits getätigten Gutachten aus der
jüngeren Vergangenheit dienten. Genau hier aber sehen die Grünen einen
grundsätzlichen Kritikpunkt. „Wir haben Zweifel, ob das
Gesamtverkehrsaufkommen in dem Maße steigt wie die vorherigen Gutachten
das ausdrücken“, so Tull. Auch SPD und CDU teilten die Sorgen, dass ihr
Beschluss vor der Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung der
Verkehrsströme stattfinde. Mitte August bewegten sich am Erhebungstag
(12. August) auf der Rheinuferstraße zwischen 6 und 22 Uhr 34.700 bis
35.700 Pkw (Bandbreite der fünf Messstellen). Der Anteil an
Schwerlastfahrzeugen (Lkw) liegt dabei zwischen drei und vier Prozent.
Auf den Gesamttag hochgerechnet stieg die Verkehrsbelastung auf der
Rheinuferstraße im Zweijahresvergleich damit deutlich von 35.250 auf
38.700 Fahrzeuge, wie die Gutachter ausführten. Am Oberländer Ufer
hingegen sank die Verkehrsbelastung leicht von 38.610 auf 37.830
Fahrzeugbewegungen pro Tag. Die Prognosen bis 2020 gehen nach Schätzung
der Gutachter um mehrere Prozent nach oben, in Teilbereichen wird der
Anstieg der Verkehrsbelastungen sogar auf zweistellige Prozentwerte
geschätzt.
Kommt es wie absehbar zu einer Verringerung der Taktung der
Nord-Süd-Stadtbahn von zehn auf fünf Minuten wäre aber auch trotz
Ausbaus der Straße erhebliche Verkehrskonsequenzen zu erwarten. Die
Gutachter fordern deshalb weitergehende Maßnahmen. Die Rheinuferstraße
soll zwischen der Einmündung Ubierring und der Schönhauser Straße
ausgebaut werden. Die Kosten für die Ausweitung lägen bei 4,3 Millionen
Euro. Allerdings würde, und dies belegt nach Meinung der CDU die Studie
ganz eindeutig, in diesem Falle der Verkehr zusammenbrechen, wie
Ratsherr Hamm ausführte. Für Grünen-Ratsfrau Tull ist dies aber noch
lange kein Grund „leichtfertig mit Millionenbeträgen“ umzugehen.
SPD-Verkehrsexperte hingegen hat nur einen Wunsch. Er möchte endlich
„Klarheit“ in die Angelegenheit bringen. Seine eigene Partei trägt dazu
nicht unerheblich bei.
Lesen Sie auch den Artikel über die Sitzung des Verkehrsausschusses vom 12. Juni dieses Jahres.
Wer parlamentarische Debatten und die Umsetzung komplexer
Geschäftsordnungsvorgaben langweilig findet, der möge weghören. Wer
diese wesentliche Prozesse einer parlamentarischen Demokratie aber
faszinierend findet, wird am heutigen Donnerstag auf seine Kosten
gekommen sein. Inhaltlich gab es neue alte Verkehrszahlen und einige
neue Details zu den geschätzten Kosten. Die Daten und Fakten lagen also
auf dem Tisch. Trotzdem konnte sich der Ausschuss nicht auf eine Linie
abstimmen und musste, um den Zeitplan der bevorstehenden Ratssitzung
nicht zu sprengen, eine weitere Sondersitzung anberaumen. Ob allerdings
am kommenden Donnerstag die Zeit bleibt, alle Details auszudiskutieren,
bleibt zu bezweifeln. Eher ist der Fall wahrscheinlich, dass sich der
Kreis der Befürworter auf das weitere Vorgehen einigt. Die wichtigsten
Gespräche in einer parlamentarischen Demokratie finden nun mal nicht in
öffentlichen Debatten statt sondern in inoffiziellen Gesprächen
zwischen den Vertretern der Fraktionen.
Wie sieht nun die Lösung aus? Der Vorschlag des Ausschussvorsitzenden
bietet hier eine Hilfe, wenn auch eine, die nur auf den ersten Blick
eine Lösung darstellt. Der Ansatz der Entkopplung von
Straßenverkehrsführung und dem Beschluss zur zweiten Baustufe ist
wohlgemeint aber inhaltlich wenig weiterführend, hängen
beide Beschlüsse - Zweite Baustufe und Verkehrsführung Rheinuferstraße
- doch aufs Engste miteinander zusammen. Insofern gab sich der
Verkehrsausschuss noch eine Woche Zeit nach Kompromissen und
Formulierungen zu suchen, um das Dilemma zu beschreiben. Denn eines ist
auch klar. Beschließt der Stadtrat die zweite Baustufe ohne
Vorleistungen für eine spätere Untertunnelung, ist der Tunnel erst
einmal für Jahrzehnte vom Tisch. Es wird also vor allem darauf
ankommen, ob die SPD sich dazu durchringen kann, dem
Verwaltungsvorschlag zuzustimmen und ob die CDU durchsetzen kann,
zumindest die Kosten für die Vorleistungen mit in den Beschluss zu
integrieren. Gelingt nur eine von beiden Sachen, stünde im Extremfall
sogar die
Ratsmehrheit auf dem Spiel. Selbst wenn SPD und FDP dem Ansinnen
zustimmen, reichte dies nicht aus. CDU und Grüne verfügen gemeinsam
über 44 Stimmen im Stadtrat und damit beste Aussichten, den Beschluss
zu blockieren. Doch das wäre die schlechteste aller Varianten,
schließlich gefährdet die Stadt in diesem Falle Landeszuschüsse in
dreistelliger Millionen Euro-Höhe für den Stadtbahnbau insgesamt. Die
Kröte müsste in diesem Fall die CDU schlucken, denn würde
der CDU-Antrag bezüglich der Vorleistungen scheitern, bräuchte man im
Anschluss auch nicht mehr über die Tunnelvariante zu reden. Denn die
wäre damit um mindestens 20 Millionen Euro teurer, wenn sie
nachträglich gebaut würde. Diese Info gab Baudezernent Streitberger
schon in der Juni-Sitzung. Offensichtlich hatten sich das nicht alle
Mitglieder im Ausschuss merken können.

























