27. 05. 2012
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Stadt sieht Schwerpunkte im Kinder- und Jugendförderplan bestätigt
Am vergangenen Freitag stand der Spanische Bau des Kölner Rathauses ganz im Zeichen der Kinder- und Jugendförderung. Rund 120 Fachleute aus Politik, Fachverwaltung und aus den Reihen der freien Träger der Jugendhilfe nahmen an der Veranstaltung teil, um über die Ziele, Strategien und Lösungsansätze des Kinder- und Jugendförderplans für die Jahre 2009 bis 2014 zu diskutieren. Zugleich diente die Ganztagesveranstaltung, die am Morgen mit einem Grußwort des neuen Kölner Oberbürgermeisters Jürgen Roters eröffnet wurde, zur Erarbeitung der Grundlagen einer Fortschreibung der mittelfristigen Planung der Jugendhilfe. Für einen Blick über den Tellerrand sorgten gleich am Vormittag die drei geladenen Referenten. Prof. Dr. Klaus Peter Strohmeier von der Ruhr-Universität in Bochum analysierte dabei das Thema Segregation in Großstädten mit Zahlen zur Millionenstadt Köln. Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker von der Uni Hamburg legte den grundsätzlichen Sinn guter Jugendarbeit dar. Und schließlich warb Prof. Klaus Schäfer vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration für das Instrument des kommunalen Kinder- und Jugendförderplans. Vier Themenschwerpunkte waren dann am Nachmittag Gegenstand von Workshops, in denen die Fachleute aus den verschiedenen Bereichen über gemeinsame Lösungswege debattierten. Dabei standen die Themen "Segregation und Mobilität im Jugendalter", "Gewaltprävention im Jugendalter", "Jugend braucht Perspektive und Arbeit" sowie eine mögliche Partizipation von Kindern und Jugendlichen im Blickpunkt des Interesses.
Im abschließenden Plenum sollten dann die frisch gewonnenen Erkenntnisse mit den Vertretern der Jugendpolitik vernetzt werden. Allerdings waren nicht alle politischen Parteien auf dem Podium vertreten. Lediglich die jugendpolitischen Sprecherinnen und Sprecher der SPD (Dr. Ralf Heinen), der FDP (Sylvia Laufenberg) und der Linken erläuterten für ihre Fraktionen, wie sie gute Jugendpolitik durchsetzen wollen, und das wird angesichts der knappen kommunalen Kassen schwierig genug. "Wir werden die Fahne hochhalten, aber Kürzungen werden kommen", räumte der SPD-Jugendpolitiker Dr. Ralf Heinen ein. Die Befürchtungen, dass "jugendpolitische Themen zukünftig kein politisches Gehör mehr finden werden", müsse er sich auch in seiner eigenen Partei machen, so Heinen weiter. Allerdings werde er sich auch in seiner Partei dafür einsetzen, dass es keine pauschalen Kürzungen geben werden. "Das zerstört das System", mahnte Heinen. Um aus der Not eine Tugend zu machen, brachte der SPD-Jugendexperte Verbesserungen des bestehenden Systems ins Spiel. "Wir können froh sein, wenn wir den Status quo halten können, aber versprechen kann ich das nicht", so die Aussage des SPD-Mannes. Ähnlich hörten sich auch die Ausführung der jugendpolitischen Sprecherin der Liberalen im Kölner Stadtrat, Sylvia Laufenberg, an. Man werde sich dafür einsetzen, das System der Jugendarbeit zu erhalten. Als Schwerpunkte ihrer Partei nannte sie die Förderung im frühkindlichen Bereich, hier insbesondere die Betreuung der Unterdreijährigen. Auch beim Ausbau des Ganztages und der Gewaltprävention der Kinder und Jugendlichen sieht Laufenberg wenig Spielraum für Kürzungen. Die jugendpolitische Sprecherin der Linken, Özlem Demirel, deutete an, zur Verbesserung der Einnahmesituation eine Erhöhung der Gewerbesteuer ins Spiel zu bringen. Außerdem rief sie zur Teilnahme am Bildungsstreiks auf, um so der Jugend mehr Gehör zu verschaffen.
Während die Vertreter der Politik ihren Fokus mehr auf die Binnensicht richtete, stellten Verwaltung und Freie Träger klar, dass Bund und das Land NRW in der Pflicht seien. "Das Programm Geld oder Stelle ist deutlich zu wenig. Es geht hier nicht um sozialpolitische Wohltaten, sondern darum, die Herausforderungen zu meistern", so die klaren Worte von Ulrich Bergmann von der Kölner Liga der Wohlfahrtsverbände. Er forderte das Land auf, den Worten und Versprechungen auch Taten folgen zu lassen. "Die Träger der Jugendhilfe sind keine Bittsteller, sondern Partner", so Bergmann weiter. Dabei erhielt der Vertreter der Kölner Wohlfahrtsverbände Unterstützung von der Kölner Jugend- und Schuldezernentin Dr. Agnes Klein. Auch aus Sicht der Fachverwaltung müsse mehr Unterstützung vonseiten des Landes her. Klein verwies in ihrem Redebeitrag auf die Anstrengungen, die beim Aufbau der Ganztagsbetreuung in Grund- und weiterführenden Schulen inzwischen umgesetzt sind. "Der Kölner Stadtrat hat erhebliche Investitionen beschlossen. Wir sehen eine Verantwortung beim Bund und beim Land NRW", wurde Klein deutlich. Die Beigeordnete kritisierte dabei auch die Landes- und Bundespolitike, die bei konkreten Wünschen und Forderungen die Bildungsdebatte "merkwürdig abstrakt" hielten. Dabei habe man nicht nur in Köln die Erfahrung gemacht, dass Kürzungen zum Beispiel bei der offenen Jugendarbeit (Stichwort: Streetworker) mit einiger zeitlicher Verzögerung zu einer Verschärfung der Situation in den betroffenen Stadtvierteln führt. "Das blieb und bleibt nicht folgenlos", so die düstere Vorahnung der Dezernentin. Schäfer, der als Vertreter des nordrhein-westfälischen Jugendministeriums ebenfalls auf dem Podium stand, wünscht sich hingegen eine "politische Debatte" um den Wert von Jugendarbeit. "Wir haben im Leben eines jungen Menschen vier Übergänge. Dies zu bewerkstelligen, kann Jugendarbeit alleine nicht leisten. Aber sie hat trotzdem einen wichtigen Eigenwert", versuchte Schäfer die Bedenken zu zerstreuen. Ein positives Fazit zog hingegen die stellvertretende Leiterin des Kölner Jugendamtes, Marie-Luise Quilling. "Die Tagung hat unsere bisherige Schwerpunktsetzung bestätigt", so das positive Fazit der Fachfrau.
Kommentar
Auch wenn die meisten Erkenntnisse der Fachtagung längst und hinreichend bekannt sind, war es wichtig, sie zu wiederholen. Jugendarbeit der Stadt und des in Köln dichten Netzes freier Träger der Jugendhilfe sind keine soziale Wohltat, auch wenn sie viel Geld kosten. Sie sind vorausschauende Sozialarbeit und verhindern Gewalt gerade unter Jugendlichen. Niemand, der sich mit der Materie beruflich auseinandersetzen muss, wird ernsthaft in Zweifel ziehen wollen, dass es einen Zusammenhang zwischen empfundener Perspektivlosigkeit, gepaart mit Lern- und Bildungsschwäche und dem Auftreten von Jugendgewalt gibt. Hier setzt offene Jugendarbeit an. Ohne den offiziösen Unterton hoheitlicher Allmachtsansprüche setzt Jugendarbeit auf einer Ebene an, die es den Jugendlichen ermöglicht, sich ohne Gesichtsverlust anzuvertrauen und damit neue Perspektiven zu gehen. Dieses Hilfesystem, das in Köln traditionell von einem dichten Netz freier Träger und privaten Engagements getragen wird, muss um jeden Preis erhalten bleiben.
So weit so gut. In den vergangenen zwei Jahren wurde vieles von dem, was in den Jahren zuvor unter dem Diktat der Haushaltssicherung weggestrichen wurde, zumindest teilweise wieder aufgebaut. Nachdem in einigen sozialen Brennpunkten die Gewalt eskalierte und Jugendbanden die Viertel und die dort wohnenden Menschen verunsicherten, konnte durch die Einstellung von Sozialarbeitern und Streetworkern einiges repariert werden. Nun aber schlägt die Wirtschaftskrise auf die kommunalen Haushalte durch. Noch ist den meisten Beteiligten wohl noch nicht richtig klar geworden, was das für den Jugendetat bedeuten kann, schließlich sind Ausgaben in den Allgemeinen Sozialen Dienst oder zusätzliche Streetworker so genannte "freiwillige Ausgaben" der Kommunen. Fehlt das Geld insgesamt – in Köln bis Ende 2010 nach Aussage des Stadtoberhaupts alleine rund 560 Millionen Euro für einen ausgeglichenen Haushalt – werden die freiwilligen Ausgaben zuallererst zusammengestrichen (werden müssen). Und so sind Kreativität und sinnvolle Vorschläge gefragt, wie der Kern des als vorbildlich geltenden Hilfenetzes in Köln erhalten werden kann. So war denn auch der Fachkongress alles andere als eine gruppendynamische Therapiestunde für die geschundene Seele des Streetworkers, es war der akut notwendige Versuch, nach neuen innovativen Wegen zu suchen.

























