27. 05. 2012
Seite drucken
Lehre aus der Einsturzkatastrophe: Eine Stiftung und der Blick nach vorne
Am gestrigen Montagabend lud der Kölner Presseclub zu einer Diskussionsveranstaltung in das Kölner Excelsior Hotel Ernst. Kölns Kulturdezernent Prof. Georg Quander, der Leiter des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs, Dr. Ulrich Soenius, sowie der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Severinstraße, Dr. Thorsten Fröhlich, blickten knapp ein Jahr nach der Einsturzkatastrophe vom 3. März 2009 in die Zukunft, nicht nur des Archivs. Dabei mussten sich die Podiumsteilnehmer auch kritische Fragen und Bemerkungen gefallen lassen. Ein besonders heikler Kritikpunkt war dabei die Frage nach den finanziellen Folgen und der zeitlichen Verzögerung einer Stiftungslösung. "Hätte ich vor einem Jahr geahnt, dass die Zusage des Landes so lange auf sich warten lässt, hätten wir die Stiftung bereits früher gegründet", räumte dabei Kölns Kulturdezernent ein. Am Ziel einer möglichst breiten Unterstützung – gemeint sind die finanziellen Beteiligungen von Bund und Land – hielt der Kölner Kulturverantwortliche jedoch fest. "Wir hatten schon früh positive Signale", erläuterte Quander den rund 50 versammelten Gästen. Der Stadtrat hatte bereits im September vergangenen Jahres beschlossen, einen Betrag in Höhe von fünf Millionen Euro zur Stiftung beizutragen.
Nach der Kalkulation der Verantwortlichen sollten das Land NRW und der Bund den gleichen Betrag zusteuern. Während jedoch der Bund seine finanzielle Unterstützung von der Entscheidung des Landes Nordrhein-Westfalen abhängig machte, lässt die Landesregierung mit konkreten Zusagen weiter auf sich warten. Unterdessen gab Quander auf der Veranstaltung eine neue Schätzung zum Gesamtschaden bekannt. "Wir schätzen, dass fünf Prozent der Archivalien unwiederbringlich verloren sind", so der Kulturdezernent. Der überwiegende Teil der geborgenen Kostbarkeiten aus dem Schuttkegel weist jedoch mittlere bis schwerste Schäden auf. Ein nicht unerheblicher Teil liegt derzeit noch im Bereich des Grundwassers. Um jedoch ein Bergungsbauwerk zu errichten und die restlichen Überreste des Archivs bergen zu können, muss zunächst ein so genanntes Beweissicherungsbauwerk errichtet werden. Die Arbeiten dazu haben aber erst vor wenigen Wochen begonnen. "Wir sind da in Verhandlungen", versicherte Quander.
Zu den wenigen positiven Lehren aus der Einsturzkatastrophe zählt nach Einschätzung von Archivexperte Soenius die öffentliche Aufmerksamkeit, die nun Archiven und ihren Schätzen zuteil wurde. "Niemand zieht nach dem Unglück in Zweifel, dass wir in Köln ein Archiv brauchen. Am liebsten wäre mir, wenn bereits morgen die Bagger für den Neubau des Archivs anrollen würden. Die Bürger wollen, dass wir etwas tun", brachte der Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer IHK seine Meinung auf den Punkt. Auch der Standort Eifelwall sei aus seiner Sicht eine gute Wahl. Neben ganz praktischen Gründen wie der Grundstücksfrage (das Areal gehört der Stadt Köln) spielen nach Meinung von Soenius auch städtebauliche und forschungsrelevante Gründe wie die Nähe zu Universität und Fachhochschule eine Rolle. Nicht alle anwesenden Gäste teilten diese Meinung. "Wir müssen nicht immer nur klein klein denken", erwiderte der Leiter des Rheinischen Wirtschaftsarchiv den Bedenkenträgern. Unabhängig davon habe auch ein drei Wochen vor dem Einsturz abgehaltenes Symposium zur Standortfrage des Archivs ergeben, dass von den drei untersuchten Varianten (MesseCity, ehemaliges Polizeipräsidium und Eifelwall) Letzterer auch von den Experten als geeignet eingestuft wurde. Vorschläge wie eine Neubebauung der Unglücksstelle oder der Standort Gereonsviertel hingegen seien wegen der ungeklärten Grundstücksbeschaffenheit bzw. der zu hohen Kosten nicht praktikabel. Dass aber auch Soenius mit der Gemächlichkeit der Kölner Stadtspitze bzw. des Stadtrats eher unzufrieden ist, wurde deutlich. Nach den zwischenzeitlichen Naturkatastrophen in Haiti und Chile mit den dazugehörigen Spendenaufrufen dürfte sich das Einsammeln von Geldern einer zukünftigen Stiftung in der Tat ein Jahr nach dem Unglück als schwierig gestalten.
Ganz andere Probleme haben hingegen die Geschäftsleute und Immobilienbesitzer auf der Severinstraße. Schon einmal, im Jahr 2004, geriet ihre Straße in die Schlagzeilen. Damals neigte sich der Kirchturm der Kirche St. Baptist gefährlich nahe dem Punkt, an dem das Sakralbauwerk direkt an der Auffahrt zur Severinsbrücke umzustürzen drohte. Was sich allerdings abseits der überregionalen Schlagzeilen abspielte, könne man am besten mit der Überschrift Überlebenskampf bezeichnen. "Wir werden hier doppelt belastet", brachte Einzelhändler Fröhlich den Frust der Geschäftsleute und Immobilienbesitzer auf den Punkt. Dabei weist die Straße bis zum heutigen Tag eine erfreulich niedrige Filialisierung und eine echte Durchmischung der verschiedenen sozialen Schichten auf. "Da wohnt der Anwalt neben dem Sozialhilfeempfänger. Auch die Preise auf dem Wohnungsmarkt sind auf einem niedrigen Niveau geblieben", beschreibt Fröhlich die Situation. Aber auch hier ist der Bau der Nord-Süd-Stadtbahn nicht unbeteiligt. Selbst wenn während der gesamten Zeitt nur eine einzige Insolvenz wegen ausbleibender Kundschaft zu beklagen ist, viele Einzelhändler haben es nur mit Mühe geschafft, bis zum heutigen Tag zu bestehen. Nun soll die Straße neu gestaltet werden, am gestrigen Montag fand dazu eine Art Spatenstich statt. In den kommenden sechs Monaten bedeutet das aber für die Anlieger, Anwohner und Geschäftsleute erneut eine Belastung. Und Interessenvertreter Fröhlich hat noch ein anderes pikantes Detail zu berichten. Noch vor einigen Monaten wurde den Anliegern bei einer Informationsveranstaltung versprochen, maximal 13,75 Euro pro Quadratmeter als Anliegerumlage beisteuern zu müssen. Nach einer neuerlichen Planüberarbeitung sollten es nun maximal 15 Euro werden. Dass Stadtdirektor Guido Kahlen in der Vorwoche diese Forderung nach dem kommunalen Abgabengesetz erst einmal auf Eis legte, ging in der emotionalen Debatte der Vorwoche ein wenig unter.
Kommentar
Es gehört zur Tradition des gepflegten Meinungsaustausches im Kölner Presseclub, dass mit hochkarätigen Podiumsteilnehmern weit entfernt von "populären" Thesen und den sonst üblichen Kurzreferaten öffentlicher Veranstaltungen tiefgründige Hintergrundinformationen vermittelt werden. Das ist im Großen und Ganzen auch am gestrigen Abend wieder gelungen. Allerdings blieb ein etwas schaler Beigeschmack. So war die Frage der Vorsitzenden des Kölner Presseclubs, welchen "Nutzen" der Einsturz des Stadtarchivs habe, mehr als unangebracht, sowohl in der Wortwahl wie auch im Duktus. Bei einem geschätzten Schaden von weit jenseits der halben Milliarden und zwei jungen Menschen, die bei dem Unglück ihr Leben verloren, darf ein solches Wort einer erfahrenen Journalistin nicht über die Lippen rutschen. Wenn überhaupt lassen sich Lehren daraus ziehen oder neue "Sichtweisen".
Auch der Versuch einer abschließenden Überleitung auf die nächste Veranstaltung, die sich mit der Erdbebenkatastrophe in Haiti beschäftigen wird, wirkte unglücklich, um es höflich zu formulieren. Während die Karibikinsel und ihre Bewohner Opfer einer Naturkatastrophe wurden, ist nach derzeitigen Kenntnisstand davon auszugehen, dass in Köln eine Mischung aus Nachlässigkeit, Pfusch und Vertuschung für den Einsturz zumindest mitverantwortlich ist. Aber möglicherweise ist genau diese Überleitung eine bezeichnende Zustandsbeschreibung der Kette von Unverantwortlichkeiten, die den Ruf der Domstadt in der Republik und der Welt nachhaltig geschädigt haben. Dass dieser "fauxpas" einer erfahrenen Journalistin in Hamburg, Berlin oder München passieren kann, wäre nachvollziehbar. In Köln ist er absolut unpassend. Dass sich daraus kein Eklat entwickelte, ist den souveränen Antworten der Podiumsteilnehmer, dem präzisen Nachhaken des Co-Moderators sowie den beherzten Beiträgen aus dem Auditorium zu verdanken.

























