27. 05. 2012
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Zufrieden, aber nicht am Ziel
In den vergangenen zwölf Monaten seit der letzten Bilanzpressekonferenz des Wirtschaftsdezernenten hat sich viel getan. Am heutigen Freitag präsentierte Wirtschafts- und Liegenschaftsdezernent Dr. Norbert Walter-Borjans im Konferenzraum des neuen Firmensitzes der Fortis Paribas Bank im Kölner "Cäcilium" seine Bilanz zu den vergangenen zwölf Monaten. Einige Bauprojekte, wie der Ort der heutigen Pressekonferenz, wurden erfolgreich abgeschlossen, einige Neuansiedlungen ebenfalls. Die Zahl der chinesischen Unternehmen hat sich inzwischen auf rund 200 erhöht. Und trotz Wirtschaftskrise und einbrechender Steuereinnahmen kommt Köln bislang relativ glimpflich davon, wie Walter-Borjans als kommissarischer Kämmerer erläuterte. Allerdings gibt es auch weiterhin jede Menge Baustellen. Der Internetauftritt der Stadt Köln stellt den Wirtschaftsförderer noch nicht restlos zufrieden, die geforderten 100 Hektar Gewerbefläche sind in weite Ferne gerückt, derzeit hat die Stadt lediglich knapp die Hälfte der so genannten GI-Flächen für industrielle Nutzung in der Vermarktung und trotz breiter Aufstellung und einer soliden Branchenstruktur muss die Stadt alleine in den beiden kommenden Jahren Mindereinnahmen in dreistelliger Millionen Euro-Höhe verkraften. Hinzu kommen Schwierigkeiten bei so wichtigen Bauprojekten wie der Neubebauung des Breslauer Platzes. Hier warten die Verantwortlichen der Stadtverwaltung auf die Deutsche Bahn AG. Die muss nun erst einmal herausfinden, ob sie die eigenen Flächen, die zur Realisierung des Siegerentwicklung des Architekturbüros Büder + Menzel abzugeben sind, überhaupt entbehren können bzw. welche Leitungen, zum Beispiel für die Signalsteuerung, dort bereits verlegt sind. Andere Bauprojekte müssen ebenfalls vorangetrieben werden. Der Weichserhof nahe des Rheinauhafens steht dabei kurz vor der Realisierungsphase, die Problematik des Rennbahngeländes ist mit dem Kauf des Grundstück vom Rennverein sogar bereits gelungen.
Wirtschaftsförderung ohne Scheckheftsubventionierung
Der Kölner Wirtschaftsdezernent setzt bei seinem zentralen Kernthema, der Wirtschaftsförderung, auf Qualität. "Köln ist keine strukturschwache Region. Es ist gut, wenn Wirtschaftsförderung nicht mit Subventionen an den Standort gelockt werden, denn so ist auch die Hürde niedrig, wenn das Unternehmen nach Auslaufen der Förderung wieder vom Standort wegzieht", so Walter-Borjans mit Blick auf den Wegzug des finnischen Handyproduzenten Nokia aus Bochum. Dabei setzt der Wirtschaftsdezernent auf eine Mischung aus Präsenz, Service und Verlässlichkeit. Briefe, wie das gezeigte Schreiben des Unternehmens Bull, bescheinigen dem Beigeordneten und seinem Team eine gute Arbeit. "Davon bekommen wir in jüngster Zeit immer mehr", verrät der Dezernent. Die Ansiedlungsbilanz liest sich ebenfalls positiv. Nach dem Umzug von Microsoft in den Rheinauhafen kündigte der börsennotierte Lanxess-Konzern seinen Umzug nach Köln an, um ihn dann im Zuge der internationalen Wirtschaftskrise direkt wieder zu verschieben. Umgezogen sind hingegen die Medienunternehmen Bastei-Lübbe und die britische Shine-Group nach Köln-Mülheim. Der Kabelhersteller nkt cables wiederum hat im Chempark in Köln-Flittard einen neuen Standort gefunden. Der Modeschmuckproduzent Beeline steht kurz vor Vollendung seines neuen Zentralstandorts in Köln-Kalk, die Sportmarketingagentur IMG und der Versicherungskonzern Generali sind neu in der Domstadt. So richtet sich die Arbeit der Wirtschaftsförderung vor allem auf die Schwerpunkte Bestandspflege und Ansiedlungsbemühungen. Wie schon im Vorjahr kündigte Walter-Borjans auch in diesem Jahr wieder einen "dicken Fisch" an, den man an der Angel habe. Dabei will die Stadt auch zukünftig intensiv mit den Partnern wie IHK, Handwerkskammer, Arbeitsagentur, Gewerkschaften und den Hochschulen fortsetzen und intensivieren. Selbst der Arbeitslosenstatistik – mit einer Quote von 10,6 Prozent deutlich oberhalb von Bund und Land NRW – kann Walter-Borjans etwas Positives abgewinnen. Köln gehöre zu den wenigen Kommunen, die im Juni dieses Jahres weniger Arbeitslose aufwiesen als im gleichen Monat des Vorjahres.
Mehr Mut zur Metropole
In seinem Fazit appellierte Walter-Borjans, sich der Aufgabe und Rolle als Großstadt, ja als Metropole zu betrachten. "Wir haben in Köln ein unglaubliches Potenzial. Es geht nicht darum, das bessere Hamburg, Berlin oder Düsseldorf zu werden", so der Beigeordnete mit Blick auf den Wettbewerb der Standorte. Dabei ist es gerade die Wirtschaftskrise, die den Metropolen bei ihren Bemühungen um die Ansiedlung international tätiger Unternehmen entgegen kommt. Globalisierung 2.0 nennt das der Wirtschaftsfachmann und mit der Einrichtung von drei zusätzlichen Stellen für die aufstrebenden Märkte China, Indien und Türkei sei man nun auch vonseiten der Verwaltung gut aufgestellt, um weitere Unternehmen nach Köln zu locken. Insgesamt arbeiten derzeit knapp 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Stadtverwaltung, davon rund ein Drittel im Unternehmensservice, 14 im Standortmarketing und der Rest im Bereich Arbeitsmarktförderung. Existenzgründer können sich bei den Startercentern von Stadt, IHK und Handwerkskammer beraten lassen und auch die Markenentwicklung sei auf einem guten Weg. Bei einer Umfrage der Wirtschaftsberatungsgesellschaft KPMG stellte sich heraus, dass die Bekanntheit Kölns unter den größten deutschen Standorten vordere Plätze belegt, zum Teil sogar an der Spitze steht. "Für den kleinen Auftritt ist Köln schon aufgrund seiner Sozialstruktur und der Funktionen für die Region nicht geeignet. Wir müssen raus aus der pubertierenden Haltung und uns dazu bekennen, dass wir eine Großstadt sind", fordert Walter-Borjans abschließend. Das bedeutet auch mehr Mut, diese Metropolencharakter sowohl baulich als auch bei Lebensstil und den Events deutlicher herauszustellen.
Kommentar
Es gehört inzwischen zu einer guten Tradition, dass der Wirtschaftsdezernent in der Sommerpause Bilanz zieht. Was ist passiert, was muss gemacht werden und wie haben sich die Rahmenbedingungen verändert? Diese Fragen verdienen es, abseits des politischen Sitzungszyklus behandelt zu werden, und Wirtschaftsexperte Walter-Borjans tut gut daran, den Blick über den provinziellen Tellerrand hinaus zu richten. Ob die Abstimmung zwischen Stadtentwicklung und Wirtschaft, die eigenen Marketingbemühungen oder die Betreuung von mittelständischen Betrieben durch den Unternehmensservice. Die Aufgaben sind vielfältig. Immerhin hat inzwischen auch Oberbürgermeister Fritz Schramma erkannt, dass die Stadt mit Walter-Borjans einen guten Fang gemacht hat und die Medienstabsstelle bei ihm in guten Händen ist. So gehört der Beigeordnete mit seinem beruflichen Werdegang zu den wenigen Repräsentanten, die neben der Karriere in Politik und Verwaltung auch haptische Erfahrungen in der Wirtschaft gemacht haben.
Die Zahl der Baustellen aber bleibt auf einem hohen Niveau. Ob bei der Ausarbeitung des Außenwirtschaftskonzepts, der Überarbeitung des stadteigenen Internetauftritts oder dem einen oder anderen Entwicklungsprojekt. Zeit zum Ausruhen hat der Wirtschaftsförderer, Liegenschaftsdezernent und Stadtkämmerer nicht. Sein Bild des Zuges macht zugleich deutlich, dass beide Extreme nicht die Lösung sein können. So kann der "Zug Köln" nur so schnell fahren, wie auch der letzte Waggon mitfährt. So sind weder Stillstand ("niemand fällt runter") noch Höchstgeschwindigkeit die idealen Strategien. Zugkraft und Zusammenhalt müssen gewährleistet sein, damit Wirtschaftsförderung funktionieren kann. Man ist geneigt, Walter-Borjans und seinen Mitstreitern dabei viel Erfolg und auch das nötige Quentchen Glück zu wünschen, auch wenn damit die Anzahl der gefühlten Amtsjahre die tatsächliche Zahl inzwischen deutlich übersteigt, wie er selbst einräumt.

























