27. 05. 2012
Seite drucken
Über Hysterie und den gesunden Menschenverstand
(rk) Selten zuvor hörte der Verfasser dieses Kommentars einen intelligenteren, tiefgründigeren und dabei trotzdem kurzweiligeren Vortrag zu einem so schwierigen Thema wie diesem. Sarrazin hat die Sau durchs Dorf getrieben und ist auf ihr geritten. Dass der vormalige Finanzsenator, der es neben seinem bereits fordernden Job oberster Kassenwart in der hochverschuldeten Bundeshauptstadt auf bis zu 46 Nebenjobs brachte, diese mediale Sau perfekt beherrscht hat, sollte nicht als Verbeugung vor der intellektuellen Geistesleistung Sarrazins missverstanden werden. Nein. Es ist die schlichte Erkenntnis, dass Medien eine besondere Verantwortung tragen. Das ist die eigentliche Kernbotschaft dieser Veranstaltung und die Erkenntnis war jeden einzelnen der 400 Eurocents wert, die die wenigen Besucher im Domforum im Vorfeld zu entrichten hatten.
Sarrazin hat sich geschickt und offenbar genau zum richtigen Zeitpunkt mit einem "Ladenhüter" pädagogischer und sozialkritischer Thesen, angereichert mit einem diffusen Mischmasch aus verifizierten Statistiken und selbst gesetzten Trendprognosen, Furore gesorgt. Dass die wissenschaftliche Variante des "Buches über Integration" in den Redaktionen der großen Verlagshäuser, die Monate zuvor vom Vortragenden promotet wurde, eher verhalten aufgenommen wurde, liegt am Geschäftsmodell der Medien. Tote, Skandale und Naturkatastrophen steigern die Auflage. Und je nach redaktionellem Selbstverständnis und politischer Grundausrichtung wird davon mehr oder weniger Gebrauch gemacht. Dass ausgerechnet die Thesen Sarrazins, die der Debatte erst die öffentliche Wirkung eingebracht haben, in den nachgedruckten Auflagen gar nicht mehr zu lesen sind, wirkt nicht nur auf den ersten Blick merkwürdig. Es ist Ausdruck höchster Schizophrenie, die nur einem einzigen Menschen wirklich zum Nutzen stand – Thilo Sarrazin. Dass er dabei auch noch der Partei eine peinliche Niederlage bescherte, über deren Ticket er überhaupt erst diese Karriere machen konnte, die ihn bis in den Heiligen Gral der Währungshüter brachte, spricht ebenfalls nicht unbedingt gegen Sarrazin.
So fundiert und hintersinnig Bade den Medien den Schwarzen Peter auch zuspielte, so sehr hielt er damit aber auch den Anwesenden selbst den Spiegel vor. Denn niemand zwingt einen Normalverbraucher dazu, eine Boulevardzeitung zu kaufen und zu konsumieren, sich stundenlang die Wiederholungsschleifen der Nachrichtensender zu Gemüte zu führen oder der sonntäglichen Krawall-Diskussionen in den diversen Talksendungen mit den ortsüblichen Wahlkämpfern der großen Parteien zu folgen. Es sind die Leser, die sich solche Medien kaufen, die Internetseiten anklicken und so erst die externen Effekte erzeugen, auf die Politik reagiert. Dass auch Politiker selbst Medien benutzen, um sich besser darstellen zu können, ist nicht zwangsläufig erfolgreich, wie der Fall Guttenberg zeigt. So gewendet ist Bades Medienkritik ein Plädoyer für einen verantwortungsvollen Journalismus, der Information und Kommentar trennt und beide Seiten zu Wort kommen lässt, der weise selektiert und ausgewogen gewichtet. Und es ist der Aufruf in Richtung Politik, nicht auf jeden Medienzug aufzuspringen, der gerade mal wieder durch den Bahnhof fährt. So etwas nennen Volksmund und hohe Wissenschaft wohl "gesunder Menschenverstand". Ein wenig mehr davon hätte auch der damaligen Sarrazin-Debatte gut getan.
Zum Artikel

























