27. 05. 2012
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Der letzte Rat im Jahr 2008 – ein kritischer Rückblick
Zu viele Themen, an denen sich hitzige Debatten im Stadtrat entzünden könnten.
Aber schließlich, spätestens beim Tagesordnungspunkt 2.1.7. gab es
einen ersten Hauch vorweihnachtlicher Gütigkeit. Ein Antrag der CDU
wurde von allen großen Fraktionen unterstützt und damit die Weiche in
Richtung mittellange Sitzung gestellt. Zwar geriet das Plenum
angesichts der Diskussion um die Abwassergebühren noch einmal in
Wallung. Der Stadtrat beschloss, zum Unmut von CDU, FDP und Dr. Martin
Müser vom Kölner Bürger-Bündnis (KBB), eine Gebührenerhöhung um 3,9
Prozent. Aber da die Gebührenfrage in Sachen Abfallentsorgung und
Straßenreinigung mit einer Dringlichkeitsentscheidung noch in diesem
Jahr mit einer „Null-Variante“ beschlossen werden soll, herrschte
fortan der übliche Gang. Im Schnellverfahren wurden so wichtige
Tagesordnungspunkte wie Satzungsänderungen oder Verwaltungsvorlagen der
Sorte Friedhofsgebührensatzung, Offenlagebeschluss der Kinderheime oder
Erweiterungsbauten an Schulen ohne Aussprache und mal einstimmig, mal
mit wenigen Gegenstimmen durchgewunken.
Wahlkampf im Stadtrat?
Die Debatte entzündete sich, wie so häufig, entweder an Landesthemen
wie der Betreuung der Unter Dreijährigen oder direkt an ideologischen
Themen der grundsätzlichen Art. Nicht selten verloren sich die Redner
in ausschweifenden Argumentationen über landes- und bundespolitische
Themen. Halbwegs kompetenten Zuschauern mag der Eindruck entstanden
sein, sie wohnten einer Ausschusssitzung des Landtages bei. Dabei ging
es um Resolutionen, abgelehnte Anträge und rund 80 anderen Themen, die
fast alle ausschließlich mit Köln zu tun hatten. Genügend Raum für
sinnvolle Diskussionen. Aber so wurde fleißig Wahlkampf betrieben. Der
Höhepunkt der Polit-Show brachte sicherlich die Abstimmung zum Thema
Abwassergebühren. Als Oberbürgermeister Fritz Schramma von seinem
Podium aus einen Einwand der CDU als Änderungsantrag auf die
Tagesordnung setzte, drohte die vorweihnachtlich-hektische Stimmung
unter den Stadtverordneten zu kippen. Noch Minuten später belagerten
sichtlich aufgebrachte Stadträte den Pressetisch, um die dort sitzenden
Medienvertreter von der Richtigkeit ihrer Aufregung zu überzeugen.
Derweil ging die eigentliche Abstimmung über die „Beschlussvorlage“ mit
eben jener Erhöhung mit planmäßiger Mehrheit von SPD, Grünen und Linken
durch. Man darf gespannt, was aus der von SPD-Fraktionschef Martin
Börschel geforderten rechtlichen Prüfung wird, die er wortreich und
durchaus überzeugend anmahnte.
Köln als Vorreiter rot-grün-roter Konstellationen
Vielleicht ist es der Tatsache geschuldet, dass der Kölner Stadtrat
fast in der gesamten Legislaturperiode in einer Art ständigem Wahlkampf
einander gegenüberstand. So war die Anfang 2005 geschlossene und nicht
ganz ein Jahr später wieder beendete „Große Koalition“ (auf Bundesebene
kam sie dann ungefähr zu der Zeit, als sie in Köln endete) im Stadtrat
nur ein kurzes Zwischenspiel. Was dann folgte, war in der Tat ein
Vorgriff auf politische Verhältnisse, wie sie in westdeutschen
Flächenstaaten zu heftigen Parteikrisen führen. SPD und Grüne gründeten
ein Kernbündnis samt 45-seitiger Koalitionsvereinbarung, die
schließlich in der Person Jürgen Roters als OB-Spitzenkandidaten ihren
würdigen Abschluss fand. Im Stadtrat selbst wurde Rot-Grün ab 2006 zu
einer de facto Rot-Grün-Rot beherrschten „Kölschen Volksfront“, die vor
Peinlichkeiten wie der Rücknahme der geplanten Busspur am Rheinufer
oder der fahrlässigen Gefährdung von Zeitplänen im Stadtbahnbau nicht
Halt machte. Aber auch FDP und CDU taten es ihnen in Nichts nach.
Während Anträge der FDP zum Thema Sonntagsöffnungszeiten
(November-Sitzung) zur reinen Polit-Show mutierten, gönnten sich beide
am gestrigen Donnerstag mit dem Antrag auf Überführung des
Eigenbetriebs Wallraf-Richartz in eine gemeinnützige Gesellschaft mit
beschränkter Haftung (gGmbH) eine durchaus „ideologische Debatte“,
nämlich um den richtigen Umgang mit Stiftern. Nur wenige Monate nach
Einführung der neuen Rechtsform musste beiden Fraktionen eigentlich
klar gewesen sein, dass hierzu der politische Wille fehlte. Dass sie
dieser Umstand trotzdem nicht davon abhielt, einen nicht einmal
begonnenen Prozess wieder in Frage zu stellen, kann nur eine Motivation
haben: die richtige Positionierung im bevorstehenden Wahlkampf. Das
Gegenargument, die CDU hätte ihren eigenen Oberbürgermeister „im Stich
gelassen“, ist aber genauso wenig stichhaltig. Schließlich haben es vor
allem die Sozialdemokraten zu keinem Zeitpunkt unterlassen, die
„Festung Schramma“ weichzuklopfen. Beständiges Gemurmel während seiner
Ausführungen, ja auch die penetrant-aufgeregten Zwischenrufe bei eben
jener Abstimmung zu den Abwassergebühren sollten den Hausherren
offensichtlich unsicher machen. Doch der ließ sich nicht beirren und
sorgte in fast schon gespenstischer Sanftheit dafür, dass Abstimmung
und Tagesordnung abgewickelt wurden.
Was gab’s außer Wahlkampf?
Es war also doch Wahlkampf im Stadtrat. Unterdessen legte die
Verwaltung erstmals in dieser Ratsperiode eine Liste nicht erledigter
Aufgaben vor. Eigentlich hochinteressant, auch aus Sicht der Stadträte,
schließlich geht es hier um gefasste Beschlüsse, die einer Umsetzung
bedürften und bislang nicht erledigt wurden. Doch der
Tagesordnungspunkt lag zu weit am Ende der Sitzung, um ernsthaft
diskutiert zu werden. Es blieb dem Vorsitzenden des
Rechnungsprüfungsausschusses Axel Kaske (SPD) vorbehalten, zum Ende der
Sitzung noch einmal etwas Gehaltvolles und vor allem Wichtiges zu
sagen. Die vorherigen Debatten hatten unter anderem die
Vergaberichtlinien kritisiert. Es ging fast unter, dass eine
ordentliche Prüfung von Aufträgen, die die Stadt vergibt, solche
Richtlinien zwingend notwendig machten. In der hektischen Diskussion
während der ersten Hälfte hatte man den Eindruck, gewisse
Ratsfraktionen würden selbst das in Zweifel ziehen.
Und so endete um 21:15 Uhr eine Ratssitzung, die im Rückblick auf die
vergangenen vier Jahre das zeigte, was man von ihr erwarten konnte. Das
alles fand übrigens vor fast leeren Zuschauerrängen statt. Gerade
einmal 30 Gäste verfolgten zu Beginn der Sitzung das Treiben im Plenum.
Wie sonst auch schrumpfte die Zuschauerzahl schnell und so fand das
eine oder andere Kabinettstück politischer Debattierkunst fast unter
Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Aber nein, wir von der Presse
waren ja auch noch da und wir wurden nach der Sitzung – auch das ist
Tradition – mit „Häppchen und Kölsch“ für unser „Ausharren“ belohnt.
Wer will da was Unveschämtes schreiben?

























