27. 05. 2012
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Kölner Stadtrat debattiert bis Mitternacht
Das Kernbündnis setzte sich mit seinen Anträgen zu einem Pilotprojekt
für einen bessere Infrastruktur an den Poller Wiesen und an der
Rodenkirchener Riviera durch. Statt der von CDU und FDP favorisierten
mobilen Toilettenanlagen will das Kernbündnis, das auch am gestrigen
Donnerstag wieder in zahlreichen Vorlagen von der Fraktion der Linken
unterstützt wurde, fest installierte Toilettenanlagen. Gegen die
Bedenkenträger aus dem bürgerlichen Lager wandte Grünen-Fraktionchefin
Barbara Moritz ein, dass verschiedene Standorte für diese fest
installierten Aborte auf beiden Seiten des Rheins denkbar seien.
Zugleich wollen Rot-Grün zwei Maßnahmen „sinnvoll miteinander
verknüpfen“. Neben den Toiletten, die die Aufenthaltsqualität der
beiden Naherholungsgebiete diesseits und jenseits des Rheins erhöhen
sollen, wolle man zudem über Beschäftigungsträger die Einrichtung eines
Kiosk prüfen. „Dazu ist eine vertragliche Regelung mit einem Träger
notwendig“, erläuterte SPD-Ratsfrau Dr. Eva Bürgermeister. Die Kritiker
von CDU und FDP sprachen sich trotz Übereinstimmung bei der Analyse der
Situation gegen die von Rot-Grün vorgeschlagenen Maßnahmen aus. Während
die CDU den Landschaftsschutz und die Bewahrung von Retentionsräumen
als Gegenargument einbrachten, plädierte die FDP für eine Verweisung in
die ihrer Meinung nach eigentlich zuständigen Bezirksvertretungen von
Porz und Rodenkirchen. „Der Antrag ist ein bisschen arrogant“,
argumentierte FDP-Ratsherr Dietmar Repgen. CDU-Mann Dr. Michael Paul
hingegen wies auf einen Vorschlag aus dem Bürgerhaushalt hin. „Das ist
keine Erfindung von Rot-Grün, das ist ein Vorschlag der Bürger. Schon
der Umweltausschuss hatte in seiner letzten Sitzung ein Gesamtkonzept
gefordert“, erläuterte Paul die Ablehnung seiner Fraktion.
Bürgerhaushalt muss warten
Eine andere Konstellation bot sich den wenigen Zuhörern auf der Tribüne
des Ratssaals bei der Debatte um das Thema Bürger-Haushalt. Mit ihrem
Dringlichkeitsantrag vom 28. Februar hatten Oberbürgermeister Fritz
Schramma mit Unterstützung von SPD, Grünen und CDU die
Haushaltsplanberatungen erst einmal vertagt und die Einführung eines
Doppelhaushalts für die Jahre 2008 und 2009 gefordert. „Köln muss sich
vor seinen eigenen Politikern schützen oder den Bürgerhaushalt
bewahren“, kritisierte Ratsherr Dr. Martin Müser vom Kölner
Bürger-Bündnis (KBB). Das Heraushalten des Haushalts aus dem
bevorstehenden Wahlkampf sei ein Ausdruck der Angst der Antragsteller.
„Hier liegt gerade die Stärke des Bürger-Haushalts. Vertrauen Sie den
Bürgern“, appellierte Müser an die Antragsteller. Auch die FDP
bedauerte die Entscheidung. Breite griff vor allem die Linke an, die
sich aus politischen Gründen verkauft hätten. Den Vorwurf konterte
Linken-Fraktionschef Jörg Detjen mit dem Hinweis, dass man der Realität
ins Auge sehen müsse. „Es ist wichtig, einen einvernehmlichen Weg zu
finden“. Die FDP aber beantragte zur Ratssitzung, den Bürger-Haushalt
um die Bereiche Kultur, Jugend und Bildung auszuweiten. CDU, SPD und
Grüne hingegen verteidigten sowohl Doppel- wie Bürgerhaushalt. „Wir
müssen der Verwaltung die Chance auf Umsetzung der vielen Maßnahmen
geben“, erklärte Grünen-Fraktionsvize Jörg Frank. „Es muss erkennbar
sein, dass Maßnahmen auch umgesetzt werden“, pflichtete CDU-Ratsherr
Karl Klipper bei. „Einige Vorschläge werden uns länger beschäftigen“,
begründete SPD-Mann Michael Neubert. So mache weder eine Erweiterung
des Bürgerhaushalt noch überhaupt ein Bürger-Haushalt im Herbst dieses
Jahres Sinn. Man wollen aber daran festhalten, den Bürger-Haushalt als
festen Bestandteil der Haushaltsplanung zu etablieren, versicherten die
Antragsteller. Die nächste Beteiligungsphase für den Bürgerhaushalt
wird allerdings frühestens ab dem Spätsommer 2009 beginnen. Und wann
der Rechenschaftsbericht erscheinen wird, ist ebenfalls unklar
geblieben.
In Sachen Brandvorfall Ineos wird die Bezirksregierung schon in Kürze
eine Nachbereitung mit allen Beteiligten einberufen. Ein entsprechender
Antrag von Ratsfrau Petra May, die eine Offenlegung seitens der
Chemieunternehmen im Kölner Norden einforderte, sei dementsprechend
bereits in der Umsetzung und insofern überflüssig. Dem widersprach May
entschieden. „Wir im Kölner Norden wollen das seit 20 Jahren. Bislang
wird diese Transparenz aber nur von einem einzigen Unternehmen
praktiziert. Ein Tag der Offenen Tür, wie er in anderen Unternehmen
stattfindet, reicht bei weitem nicht aus“, beschwerte sich die Ratsfrau.
Das Thema Nord-Süd-Stadtbahn brachte hingegen keine neuen Erkenntnisse.
Die noch am Dienstag dieser Woche geforderte Begutachtung eines
externen Prüfers klang allerdings in dieser Ratssitzung wesentlich
weniger rigoros. Zwar blieben SPD und Grüne bei ihren Forderungen nach
Variantenprüfung. Doch nun sollen Stadt und KVB mit Eigenmitteln ein
Gutachten präsentieren, ein externer Prüfer solle das Ergebnis dieser
Prüfung lediglich noch einmal unter Augenschein nehmen, erläuterte
SPD-Fraktionschef Martin Börschel. Ein Dringlichkeitsantrag der
CDU-Fraktion zu diesem Thema wurde erst gar nicht auf die Tagesordnung
genommen. Auch der von der CDU geforderte Beschluss für eine
Tieferlegung der Rheinuferstraße im Kreuzungsbereich der neuen
Stadtbahn (2. Baustufe) wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Die
Vorwürfe Börschels an die Adresse des Bauderzernenten Streitberger,
dieser habe mit seiner Antwort zur Sondersitzung des Verkehrsausschuss
Parteilichkeit gezeigt, wies dieser aber zurück. „Eines müssen sie mir
zugestehen. Ich habe in dieser Sache eine Meinung und eine Haltung“,
erwiderte Streitberger. KVB-Vorstand Werner Böllinger machte auf die
Interessenlage seines Unternehmens aufmerksam. Er forderte eine
Entscheidung bis zur Sommerpause, alles andere wäre ein „Bärendienst“,
ja ein „Schildbürgerstreich“. Das finanzielle Risiko gegenüber dem
Zuschussgeber trägt ohnehin die Stadt (Erläuterung: Land und Bund
bezuschussen unter bestimmten Bedingungen den Bau der
Nord-Süd-Stadtbahn mit 700 Millionen Euro). Dies wäre in Gefahr, wenn
bis zur Sommerpause keine Entscheidung erfolgt. Eine Untertunnelung
hält aber auch der KVB-Chef für einen „Schnellschuss“. „Davor kann ich
nur warnen“, so Böllinger abschließend.
Um kurz nach 23 Uhr nahm die Debatte im Ratssaal nochmals Fahrt auf.
Auf der Tagesordnung stand der Punkt 9.13, es ging um eine
Verwaltungsvorlage, die die Bildung einer Info- und Bildungsstelle
gegen Rechtsextremismus im NS-Dokumentationszentrum vorsieht. Nachdem
CDU und FDP in einem Änderungsantrag die Reduzierung der Zahl der
Beiratsmitglieder von fünf auf vier forderte, rückte Grünen-Ratsherr
Ossi Helling mit der wahren Absicht der Vorlage heraus. „Man kann der
Linken vieles vorwerfen. Aber wenn sie eines weiß, dann wie man gegen
Rechtsextremismus kämpft“, erklärte der Ratsherr. Es folgte eine
hitzige Debatte um grundsätzliche Positionen zum Thema Extremismus.
Oberbürgermeister Fritz Schramma, der die Vorlage unterzeichnet hatte,
fiel erst mit der Debatte der eigentliche Hintergrund auf. Da war es
allerdings zu spät und so wird der Beirat zu dieser sicher sinnvollen
Einrichtung nun wohl auch mit einem Vertreter der Linken besetzt. Für
die FDP wollte Fraktionschef Ralph Sterck nicht ausschließen, dass man
sich möglicherweise aus diesem Gremium zurückziehen wolle.

























