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Stadt will Handlungskonzept gegen die Folgen von Kinderarmut


17.04.2009 01:11 von:

Schlagwörter: Köln,Handlungskonzept,Kinderarmut,Dezernentin,Klein,Bredehorst,Kinderbetreuung,F

Als der Stadtrat auf seiner Sitzung am 8. November 2007 einstimmig den Beschluss fasste, die Verwaltung mit einem Handlungskonzept gegen die Folgen von Kinderarmut zu beauftragen, befand sich Deutschland noch im wirtschaftlichen Aufwind. Zugleich wurde in der Domstadt gerade der mit großem Aufwand umgesetzte Offene Ganztag im Primarbereich konsolidiert. Haushaltstechnisch strebte die Stadt nach Jahren des Haushaltssicherungskonzeptes (HSK) dem Endziel ausgeglichener Haushalt entgegen. Und Anfang 2008 begann für die Verwaltung mit der Umstellung von der kameralen auf das doppische Haushaltsführung so etwas wie eine Zeitenwende. Eigentlich sollte der Antrag bereits zu den Haushaltsplanberatungen für das Jahr 2008 abgeschlossen sein, aber es kam anders. Statt eines einfachen gab es einen Doppelhaushalt für die Jahre 2008 und 2009. Und doch arbeiteten Rat und Verwaltung bereits genau in diese Richtung ohne übergreifendes Handlungskonzept, aber mit Weitblick und nicht zuletzt auch dank Unterstützung von der Landesregierung. So dauerte es eben bis zu dieser zweiten Osterferienwoche, bis das zwischen zwei Dezernaten abgestimmte 36-seitige Handlungskonzept vorgestellt wurde. Das soll nun in die Beratungsfolge der Ratsausschüsse, ehe es auf der kommenden Sitzung abschließend beraten werden soll.

Kein konkretes Maßnahmenpaket

Wer nun in den 36 Seiten einen Masterplan für den Kampf gegen Armut erwartet, der wird eher enttäuscht. Handlungsansätze sind nun mal ungleich schwieriger als Ursachenforschung oder Zustandsbeschreibung, räumt auch Jugend- und Schuldezernentin Dr. Agnes Klein ein. "Wir haben ein Therapie- und kein Diagnosedefizit", so Klein. Und die Zahlen sprechen in der Tat eine klare Sprache. Fast ein Viertel aller Kinder unter 15 (24,1 Prozent oder 31.510) in Köln stammten Ende 2007 aus Familien, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind und nach gängiger Definition als "arm" galten. Die Folgen gleichen häufig genug einem Teufelskreis, aus dem kein Entrinnen zu geben scheint. Schlechte schulische Leistungen, Prüfungsversagen oder Schulabbruch, Perspektivlosigkeit aufgrund geringer Chancen am Arbeitsmarkt, ungewollte Schwangerschaft – und schon wird eine neue Generation in den Armutskreislauf hineingeboren. Auch die Ursachen dafür sind vielfältig Eine der wesentlichen Ursachen ist die in Köln immer noch überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit. Sie liegt unverändert um fast zwei Prozentpunkte über dem Landes- und sogar fast drei Punkte über dem Bundesdurchschnitt. Das zweite Riesenproblem ist der eklatante Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Auch wenn es inzwischen neue Ansätze gibt, bleibt der Mangel insbesondere auch an öffentlich geförderten und damit mietpreisgebundenen Wohnungen, so Sozialdezernentin Marlis Bredehorst. Und so verharrt die Ratsvorlage bei ihrem Blick in die Zukunft eher auf dem Stand eines Wunschzettels. In den sieben Handlungsfeldern, die Klein und Bredehorst definiert haben, ist aber bereits Einiges an Maßnahmen umgesetzt, dass so zum Zeitpunkt des Ratsbeschlusses noch gar nicht feststand. Das betrifft insbesondere den gebundenen Ganztag an weiterführenden Schulen, die Aktion Kinder Willkommen oder der Gefährdungsmeldungs-Sofort-Dienst (GSD) im Sinne eines Frühwarnsystems, wie Klein ausführte. Das größte Armutsrisiko, so zitierte ihre Stadtvorstand-Kollegin Bredehorst einen ungenannten Zyniker, ist immer noch der Status einer oder eines Alleinerziehenden. Dabei sind der Stadt gerade in finanziellen Dingen die Hände gebunden. "Wir können die Regelsätze für Kinder nicht erhöhen, eigentlich müssten sie sogar mehr als Erwachsene bekommen", so die Beigeordnete für Soziales weiter. Trotzdem bemühe man sich vonseiten der ARGE mit speziellen Projekten vor allem um die Wiedereingliederung genau dieser Zielgruppe in den ersten Arbeitsmarkt.

Gleiche Bildungschancen für Alle als Königsweg

Weil die wichtigsten Rahmenbedingungen eben nicht Sache der Kommunen sondern der übergeordneten politischen Ebenen sind, bleibt den Verantwortlichen in Köln nur die Möglichkeit, wenigstens einige der vielen Ursachen zu managen. So steht die Betreuung von Kinder zwischen 0 und 14 Jahren an oberster Stelle. Eigentlich als Initiative von Bund und Ländern ins Leben gerufen, kostet der Offene Ganztag in der Grundschule mit einer Versorgungsquote von inzwischen 52 Prozent (entspricht über 18.000 Plätzen) die Kommune inzwischen mehr Geld, als aus dem Landesetat beigesteuert wird. Nun stehen die anderen Stufen der so genannten "Bildungskette" auf dem Programm und die beginnen bereits vor der Geburt. So sollen viele Eltern mit Neugeborenen, insbesondere in sozial schwachen Stadtbezirken wie Chorweiler, Mülheim oder Kalk, bereits vor der Geburt ihrer Kinder von Ehrenamtlern besucht werden. Das Projekt "Kinder Willkommen" startete im Sommer vergangenen Jahres und läuft ausgesprochen positiv. 81,34 Prozent aller kontaktierten Eltern wurden auch tatsächlich erreicht. Es folgt der notwendige Ausbau der Betreuung bei Unterdreijährigen und im Kindergarten (Drei- bis Sechsjährige) und setzt sich in den weiterführenden Schule für die Zehn- bis 14-Jährigen fort. Alleine deren geplanter Ausbau samt entsprechendem Bauprogramm auf den Bedarf würde in Köln einen dreistelligen Millionen Euro-Betrag kosten. Nicht zum ersten Mal wiederholten beide Beigeordnete ihre Forderung an Bund und vor allem das Land Nordrhein-Westfalen, die Großstädte wie Köln zu unterstützen.

Weitere Module gegen Kinderarmut

Neben dem Projekt Kinder Willkommen (KiWi) und dem Ausbau der Kinderbetreuung gibt es aber auch andere "Module", die den Folgen von Kinderarmut entgegen wirken wollen. Rucksack-Projekt, Mitternachtssport, Gesunde Lebenswelten, die Namen der Programme haben jeweils unterschiedliche Ausrichtungen und Träger und wollen doch trotz ihrer verschiedenen Ansätze vor allem eines: gleiche Zugangsvoraussetzungen für alle Kinder, unabhängig vom sozialen Status ihrer Eltern. Was für Kinder aus gutbürgerlichem Hause eine Selbstverständlichkeit ist (musische, kulturelle, sportliche Bildung) ist Kindern aus prekären Familienverhältnisses häufig unbekannt. Auch die inzwischen elf Sozialräume der Stadt (inklusive dem Sozialraum Kalk als elftem und vorläufig Letztem) haben bereits eine erste aus Sicht der Verwaltung positive Bilanz vorzuweisen. In 123 unterschiedlichen Projekten erreichten die Sozialraumkoordinatoren über die örtlichen Netzwerke rund 19.300 Teilnehmer, wie Klein verriet. Und genau hier setzt das Handlungskonzept an und empfiehlt die bereits eingeführten Modellprojekte fortzuschreiben, mit entsprechendem Mehraufwand. "Die Politik entscheidet über konkrete Maßnahmen und erst dann müssen wir Vorschläge zur Finanzierung machen", erläuterte Klein das weitere Vorgehen. "Für ein 400 Millionen Euro-Programm zur Bekämpfung von Kinderarmut fehlt uns das Geld im Haushalt. Wir können schließlich nicht alle Fehler der Bundes- und Landespolitik korrigieren", betonte Bredehorst abschließend.

Die Beschlussvorlage Handlungskonzept wird nun in verschiedenen Ratsausschüssen vorberaten und soll bereits auf der Mai-Sitzung des Rates beschlossen werden. Die jährliche Berichterstattung soll fortan im Rahmen einer geplanten "Lebenslagen- und Integrationsberichterstattung" ablaufen. Bereits Mitte dieses Jahres will man die eigenen Statistiken zur Armutsgefährdung aktualisieren. Dann liegen die Ergebnisse einer zuvor durchgeführten Umfrage "Leben in Köln" vor.







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