26. 05. 2013
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Tag der Jugend im Rathaus
Auch in diesem Jahr fanden sich ab 8:30 Uhr wieder drei Kölner Schulklassen (unterschiedlicher Schulformen) der Jahrgangsstufen 9 und 10 im Rathaus ein, um auf einer fiktiven Ratssitzung über die Zukunft unserer Stadt bzw. über die von den Jugendlichen selbst eingebrachten Verbesserungsvorschläge zu debattieren und abzustimmen. Anders als im vergangenen Jahr blieb Schramma, der wie in einer richtigen Ratssitzung als Versammlungsleiter fungierte, in diesem Jahr über die gesamte Dauer der Ratsdebatte. Nachdem die zuvor bestimmten „Fraktionssprecher“ mit einem offiziellen Eintrag in das Gästebuch der Stadt Köln verewigt hatten, eröffnete das Kölner Stadtoberhaupt die Sitzung. Die Klasse 10d der Kaiserin-Augusta-Schule (Gymnasium) bildete die Fraktion KfK (Kas für Köln), die Vertreter der Europaschule Zollstock die Fraktion CAB (Cologne Art Benches) und die Max-Albermann-Schule (Hauptschule) die Fraktion JPK (Jugendpartei (Köln-)Kalk. Im Gepäck hatten sie Anträge zur Platzattraktivierung (konkret: Josef-Haubrich-Hof), zu einem Wettbewerb für eine „Kölner Parkbank“ sowie zum Bau eines neuen Jugendzentrums in Köln-Kalk.
Konzept der Rathausschule: Partizipation von Kindern und Jugendlichen
Das Projekt „Rathausschule“, im Amt für Kinder, Jugend und Familie
(„Amt für Kinderinteressen“) ansässig, hatte sich erneut mit den
verantwortlichen Pädagogen und den Vertretern der vier Ratsfraktionen
zusammengesetzt und seit Schuljahresbeginn an den Anträgen der
jeweiligen „Ratsfraktion“ gefeilt. Die wurden dann – wie im richtigen
kommunalpolitischen Alltag – auf einer morgendlichen Vorbesprechung am
heutigen Mittwoch zusammen mit Vertretern aus Politik und
Fachverwaltung diskutiert und sitzungsfertig gemacht. Gleichzeitig
berieten die Nachwuchspolitikerinnen und –politiker über ihre
Anregungen und Kritikpunkte der anderen beiden Fraktionen. Es folgte
eine mehr als 90-minütige Debatte um die vorgetragenen Punkte. Dem
Redebeitrag der antragstellenden Fraktion folgten die Anregungen und
Kritiken der beiden anderen Fraktionen.
Die Themen der Sitzung: Platzgestaltung
So wurde der aus sechs Punkten bestehende Antrag der Fraktion „KfK“
beispielsweise nur in vier Punkten beschlossen. Die Installation von
Brunnen, Wasserspendern oder Kunstgegenständen wurde dabei mehrheitlich
abgelehnt, ebenso wie der Vorschlag einer „blickdichten“ Bepflanzung
mit bis zu 1,30 Meter hohen Hecken. Der Wunsch nach passender
Bepflanzung, mehr Mülleimern und „Hundekotbeutelspender“, mehr
Sitzmöglichkeiten und schließlich eine ausreichende Beleuchtung wurden
hingegen angenommen. Frauke und Henry, die als Sprecherteam fungierten,
appellierten dabei an das Plenum, der Zielsetzung des Antrags zu
folgen. „Blickdichte Bepflanzung und Beleuchtung ist ein Widerspruch,
befand etwa eine Vertreterin der Europaschule. Sprecherin Zaliha von
der Max-Albermann-Schule hingegen kritisierte die Kosten. „Brunnen ist
Luxus. Wichtiger ist ausreichende Beleuchtung“, so die 14-Jährige. Dem
generellen Wunsch nach mehr Aufenthaltsqualität wollten aber selbst die
härtesten Gegner in den Reihen des „politischen Kontrahenten“ nicht
folgen und so wurde der Antrag „zu zwei Dritteln“ umgesetzt, wie
Sitzungsleiter Schramma lobend resümierte.
Die Themen der Sitzung: Neues Jugendzentrum für Kalk
Beim Antrag der Fraktion „JPK“ (Max-Albermann-Hauptschule) ging es um
den Vorschlag, im Laufe der kommenden zwei bis drei Jahre ein neues
Jugendzentrum im Stadtteil Kalk zu errichten und dort Angebote wie z.B.
eine Hausaufgabenbetreuung und Sportangebote bereit zu stellen. „Die
allererste und vielleicht wichtigste Begründung für unsere Forderung
ist die (Jugend-)Kriminalität in Köln generell und besonders in Kalk“,
erklärte JPK-Sprecher Dominik den Antrag. In ihrem Antrag, der aus
insgesamt drei Unterpunkten bestand, forderten die Schüler zudem, dass
die bestehenden Jugendeinrichtungen im Stadtteil eine bessere
Ausstattung erfahren sollten. Auch hier kam heftige Kritik auf.
CBA-Vertreter Ayhan kritisierte die Großzügigkeit des Antrags,
insbesondere in Sachen Ausstattung als „Phantasialand-Denken“.
Vertreterinnen und Vertreter der KfK-Fraktion hingegen kritisierten die
geringe Auslastung der bestehenden Jugendeinrichtungen, zumal einige
von ihnen in der Jugendlichenbetreuung sogar schon praktische
Erfahrungen in eben jenem Stadtteil vorweisen konnten. „Der Kalker
Treff bietet heute schon Hausaufgabenhilfe für Grundschüler. Eine
Erweiterung des Programms um Schüler anderer Altersklassen wird
bestimmt genehmigt“, so eine KfK-Vertreterin. Selbst die Ergebnisse
einer eigens durchgeführten Umfrage unter Jugendlichen aus Kalk und
benachbarten Stadtteilen konnte die Mehrheit indes nicht dazu bewegen,
dem kompletten Antrag zuzustimmen. Während der Neubau also mehrheitlich
abgelehnt wurde, erhielt der Vorschlag einer besseren Ausstattung der
bestehenden Einrichtungen eine breite Mehrheit. OB Schramma verwies
nach der Abstimmung darauf, dass man sich Gedanken darüber machen
müsse, wie die Auslastung der Jugendeinrichtungen (im Stadtteil unter
50 Prozent im Durchschnitt) in Kalk erhöht werden könne. Schramma
verband den Beschluss mit dem Appell an die Jugendlichen vor Ort, auch
einmal selbst den ersten Schritt in eine solche Einrichtung zu gehen.
Die Themen der Sitzung: Wettbewerb für schönere Bänke in Köln
Der letzte Antrag der Tagesordnung beschäftigte sich mit einem
Wettbewerb für eine neue „Kölner Bank“, die auch ästhetischen
Ansprüchen genügt. Die Antragsteller der Fraktion „CAB“ kritisierten in
ihrem Antrag die fehlenden Sitzmöglichkeiten im öffentlichen Raum. Für
die beiden Sprecherin Julia und Karina sind öffentliche Plätze neben
ihrem Zweck als Orte der Begegnung auch Kommunikationsmittel zwischen
verschiedenen Kulturen, eine optische Bereicherung und nicht zuletzt
auch eine Möglichkeit, dass sich Anwohner wieder mit dem eigenen Umfeld
identifizieren. Der Antrag selbst umfasste drei Unterpunkte und wurde
vor der Ratssitzung – quasi als „Tischvorlage“ – um zwei weitere
Änderungsanträge der eigenen Fraktion korrigiert. Statt des zunächst
angedachten Preisgeldes für den Siegerbeitrag in Höhe von 10.000 Euro
wurden schließlich 1000 Euro als Preisgeld festgesetzt. Im zweiten
Änderungsantrag wurde zudem ein „Schlüssel“ für die Besetzung der Jury
vorgeschlagen. Wichtig war den Antragstellern, dass die Kinder und
Jugendlichen die Jurymehrheit besaßen. „Das wird doch alles schon
gemacht“, entgegnete ein Vertreter von JPK. Seine Fraktion stimmte
anschließend auch geschlossen gegen das Ansinnen. Wesentlich
konzillianter ging KfK mit dem Antrag um. Grundsätzlich müsse über
„Normen“ für solche Bänke nachgedacht werden. Außerdem monierte eine
Vertreterin von KfK, dass die Antragsteller kurz zuvor einen ähnlichen
Antrag der KfK-Fraktion abgelehnt hatten „Das ist ein Widerspruch“, so
die Schülerin. Aber trotz ihrer Detailkritik unterstützten die
Vertreter der KfK-Fraktion in der anschließenden Abstimmung das
Ansinnen und gaben dem Vorschlag somit die erforderliche Mehrheit.
Überall zufriedene Gesichter
Das Konzept der fiktiven Ratssitzung als krönender Abschluss eine fast
halben Schuljahres an Vorbereitungen soll die politische Partizipation
der Jugendlichen stärken und sie zugleich für die Anforderungen an
Politik und ihre Protagonisten schärfen. „Handlungsorientierter
Unterricht“, dieses Ziel wird von Pädagogen immer häufiger vorgebracht,
wenn es um politische Bildung im Schulunterricht geht. In den
Lehrplänen gibt es ebenfalls entsprechende Anforderungen, aber oftmals
scheitert die praktische Umsetzung am mangelnden Angebot. Eine Lehrerin
aus dem Schillergymnasium nutzte gemeinsam mit ihrer Klasse die Chance,
sich den Tag der Jugend gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern
aus der Zuschauerperspektive zu betrachten. Ob das Gymnasium allerdings
im kommenden Jahr als eine von drei Fraktionen ebenfalls den Sprung ins
Kommunalparlament wagen wird, ließ die Pädagogin offen. Für die
beteiligten Klassen verlief der Praxistest mehr als zufriedenstellend.
Nachdem sie sich zwei Wochen zuvor eine richtige Ratssitzung von der
Zuschauertribüne angeschaut hatten, dürften sie selbst ans Mikro und
agierten dabei bisweilen erstaunlich souverän. „Ein Schüler aus der
Klasse hat sogar gesagt, er können sich vorstellen, selbst einmal im
Stadtrat zu agieren“, verriet die stellvertretende Schulleiterin der
KAS Birgit Etzler. Entgegen dem üblichen Stundenplan, der zur
Vorbereitung nur zwei Doppelstunden pro Woche zuließ, erhielt sie
eigens für dieses Projekt dank der Unterstützung von Lehrerkollegen
zusätzliche Kontingente. Sowohl das Amt für Kinderinteressen als auch
der Betreuer der Ratsfraktion Henk van Benthem (CDU) kamen zum Teil
öfter als ein Mal in die Klasse, um die Ratssitzung vorzubereiten.
Gleiches galt für die Vertreter der anderen Fraktionen Marco Mendorf
(FDP für die Max-Albermann-Hauptschule) sowie David Kranefeld (SPD) und
Horst Thelen (Grüne) gemeinsam für die Europaschule in Zollstock.
Lob von der Kommunalpolitik
Die etwas mehr als 90-minütige Ratssitzung war nicht nur für die
Schülerinnen und Schüler eine Bereicherung und eine gelungene
Innenbetrachtung des sperrigen Thema „Politik“. Auch die Vertreter der
vier großen Ratsfraktionen, die mit jeweils einem Vertreter die
Vorbereitungen mit praktischen Tipps zu Verfahrensfragen begleitet
haben, schöpften – wie schon in den Vorjahren – viele neue Ideen und
Argumente aus der Debatte. Das Lob der „Fraktionsbetreuer“ fiel
allerdings in diesem Jahr deutlich positiver aus in den vergangenen
Jahren. Während van Benthem die Debatte als „unheimlich erfrischend“
empfand zeigte sich FDP-Stadtrat Mendorf „begeistert, wie intensiv und
tiefgreifend die Sitzung vorbereitet wurde“. Beide wollen als eine der
vielen Botschaften die Attraktivierung der Jugendzentren in die eigene
Fraktionen einbringen. Die Vertreter von SPD und Grünen kündigten sogar
an, die Sprecherinnen und Sprecher der Schulklassen einmal zu richtigen
Sitzungen von Beirat und Fraktion einzuladen. Auch sie waren voll des
Lobes über die eingebrachten Anträge.
"pro Köln" und Kritiker geraten aneinander
Nach der Ratssitzung trafen sich die Schülerinnen und Schüler zusammen
mit Politikern und Verwaltungsmitarbeitern im Lichthof des Spanischen
Baus. Kurz vor der Preisverleihung zum diesjährigen Rathaus-Quiz wurde
es im Lichthof für einen kurzen Moment hektisch. Bereits kurz nach der
Sitzung belagerten rund 50 Schülerinnen und Schüler den Stand der als
rechtsextrem eingestuften Fraktion „pro Köln“. Nach diversen
Wortgefechten kam es dann zu einem kurzen Handgemenge, in dem Vertreter
der „Rechtspopulisten“ beteiligt waren. Nach Darstellung der
Rechtspopulisten soll angeblich „gewaltbereite Linksextremisten“
versucht haben, den Stand von „pro Köln“ zu stürmen. Das bereit gelegte
Info-Material „sei weggerissen, Tische und Plakatwände verunstaltet
worden“, hieß es in der Darstellung auf der Internetseite der
Formation. Tatsächlich trugen nach übereinstimmenden Zeugenaussagen
auch die Vertreter von „pro Köln“ erheblich zur Unruhe bei. Bei der
handgreiflichen Auseinandersetzung gingen zwei Vertreter der
Rechtspopulisten sogar auf eine Gruppe Jugendlicher los, wie zwei
Augenzeugen unabhängig voneinander den Vorfall wiedergaben. Dank des
beherzten und schnellen Eingreifens der anwesenden Polizeibeamten
konnte der Zwischenfall allerdings schnell aufgelöst und die
Kontrahenten getrennt werden.
Bei der anschließenden Preisverleihung stellten sich Polizeibeamte vor
den „pro Köln“-Stand, um weitere Unruhe zu unterbinden. Merkwürdig: Von
einer Verunstaltung und Verwüstung war nach der Auflösung der
Streithähne nichts mehr zu sehen. Allerdings bestätigten Zeugen, dass
zwischenzeitlich einige Schüler sich den Scherz erlaubten,
Info-Material der Rechtspopulisten „en gros“ zu entsorgen. Sie wurden
allerdings von ihren Betreuern ermahnt, Provokationen dieser Art nicht
zu wiederholen. Auch die mitgenommenen Broschüren und Flyer brachten
die Schüler wieder an den Stand zurück. Aber offenbar gingen einigen
pro-Köln-Vertretern nach erneutem verbalen Schlagabtausch die Nerven
durch. Die Jugendlichen freuten sich zu diesem Zeitpunkt bereits über
die vielen Preise, die ihnen für das Rathaus-Quiz aus den Händen der
Organisatoren überreicht wurden. Von „pro Köln“ nahm zu diesem
Zeitpunkt kaum einer mehr Notiz.
von Ralph Kruppa
So funktioniert Kommunalpolitik. Antrag, Debatte, Kompromissvorschlag,
Beschluss und Umsetzung. Das alles haben die drei Schulklassen, obwohl
die Mehrzahl von ihnen noch nicht einmal das Kommunalwahlrecht
besitzen, erneut und in beeindruckender Weise vorgelebt.
Selbstverständlich wurden sie bei der komplizierten Materie von
Lehrern, Politikern und nicht zuletzt der Koordinatorin der Kölner
Rathausschule über Monate konstruktiv begleitet. Aber trotz Anleitung
war die Debatte überaus authentisch. Sie zeigte sogar noch mehr. Durch
das gegenseitige Herantasten an einen Vorschlag mit dem Ziel
größtmöglicher Mehrheiten trennten sich die einzelnen auch von eigenen
Vorschlägen, wenn es der Sache dient. Diese ideologische
Unbekümmertheit haben sie den meisten Erwachsenen im Stadtrat voraus.
Insofern war die Debatte von großer Sachlichkeit und den gemeinsamen
Zielen geprägt. Leider findet diese Veranstaltung nur einmal pro Jahr
statt, möglicherweise zu wenig für die Nachhaltigkeit einer Kinder- und
Jugendlichenbeteiligung in der Kommunalpolitik.
Zwar bedeutet sie für die beteiligten Klassen jeweils mehrere Monate an
Vorbereitungen und damit praktischer politischer Bildungsarbeit. Aber
es sind eben immer nur sehr wenige Jugendliche, die jeweils für sich
ein wichtiges Thema bearbeiten. Das scheinen auch die Politikbetreuer
der Fraktionen zu spüren, als sie ihre Einladungen an die
Schülervertreter aussprachen. In anderen Kommunen ist man aber deutlich
weiter als in Köln. Dort gibt es richtige Jugendparlamente, die in
regelmäßigen Abständen auf Stadtebene tagen, Anregungen geben und
Kritik üben. Ganz so weit ist man in Köln noch nicht. Dabei bestünde
dank der vielfältigen Aktivitäten z.B. der Kinder- und Jugendforen in
der Stadt durchaus genug Potenzial, um solch ein Jugendparlament als
feste Einrichtung zu etablieren. Und es muss ja nicht gleich der große
Ratssaal sein, der dann mit enormen Verwaltungsaufwand gestemmt werden
muss. Erst bei einer Institutionalisierung wäre gewährleistet, dass
Wünsche vonseiten der Kinder und Jugendlichen tatsächlich nachhaltiger
in die Politik eingebracht werden, als dies jetzt der Fall ist.
Vielleicht zielte der Vertreter der Grünen genau in jene Richtung, als
er vorschlug, man solle während des Jahres über einzureichende
Vorschläge abstimmen und diese in einer Sitzung zur Abstimmung zu
stellen. Der große Wurf ist das allerdings auch nicht. So bleibt die
Erkenntnis, dass – wie schon in den Vorjahren – die eingereichten und
abgestimmten Beschlüsse erst dann in die Kommunalpolitik fließen, wenn
sich ein Ratsvertreter persönlich für die Umsetzung einsetzt. Und das
galt in der Vergangenheit längst nicht für alle Fraktionen.






















