27. 05. 2012
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Internetwahlkampf 2009: Versuch einer Bewertung
Spätestens seit der Wahl Barrack Obamas im vergangenen Herbst wissen auch deutsche Politiker, wie wichtig das Medium Internet für die Mobilisierung der eigenen Anhänger ist. Und so haben auch die Kontrahenten beim diesjährigen Kommunalwahlkampf aufgerüstet. Jeder der drei OB-Kandidaten ist inzwischen auf mindestens einer der vielen Internet-Plattformen wie YouTube, Facebook oder Twitter aktiv und betreibt Kundenkommunikation. Die eigenen Webseiten sind überarbeitet worden und entsprechen im Gegensatz zu früheren Versuchen schon eher den Anforderungen einer mobilen Kommunikationsplattform. Im Gegensatz zur US-amerikanischen Inszenierung tun sich Politiker in Deutschland mit dem Medium Internet aber noch etwas schwer und das liegt nicht immer an den Politikern selbst. Dem Mega-Trend der Politikverdrossenheit stellen die Kölner Kandidaten auf ihren eigenen Internetseiten eine professionelle Webpräsenz entgegen, die zudem andere Plattformen wie You Tube verlinkt. Auch in den Foren der parteieigenen Internetseiten kann gebloggt werden. Allerdings bietet lediglich die CDU eine solche Möglichkeit, die anderen Parteien betrachten das Medium Internet zumeist noch als Ankündigungsmedium. Aber auch hier haben die Etablierten dazugelernt. So können Einträge auf der Kampagnen-Webseite von Jürgen Roters kommentiert werden. FDP-Mann Sterck bietet für seinen Wahlkampf sogar einen eigenen Blog an, der ähnlich wie im Falle der Freien Wähler in Köln, die organisationsinterne über auch die übergreifende Diskussion in Gang setzen soll. Mit eher mäßigem Erfolg, wie die Einträge auf den genannten Seiten beweisen.
Kopf-an-Kopf-Rennen bei Twitter
Interessant ist, wie sich die Resonanz auf die Internetaktivitäten über Kommunikationsplattformen in den vergangenen Wochen entwickelt hat. Ein möglicher Maßstab ist dabei die Anzahl der so genannten "Followers" auf der Online-Kommunikationsplattform "twitter.com". Dieser Wert zeigt die Zahl derjenigen Twitter-User an, die im Moment ihrer Einwahl Nachrichten der ausgewählten Person erhalten. Der erste OB-Kandidat bei Twitter war Jürgen Roters. Noch im Juni führte er einsam und verlassen die Liste mit etwas mehr als 200 Abonnenten an. Dann kam Peter Kurth hinzu. Anfang Juli erreichte der gerade einmal die 100er-Marke. Für Ralph Sterck, den OB-Kandidaten der FDP, begann die Zeitrechnung auf Twitter ohnehin erst in der zweiten Julihälfte, Inzwischen liegt Kurth mit etwas mehr als 830 knapp vor Jürgen Roters (rund 790). Sterck folgt mit weitem Abstand (330). Auch bei der Frequenz der Informationsübertragung hat der CDU-Kandidat seinen politischen Gegner von Rot-Grün inzwischen überholt. Bei Summe der so genannten "tweeds", also der Kurznachrichten, die "gezwitschert" werden, führt ebenfalls Kurth mit 107 vor Roters mit 90 Nachrichten. Die Bronzemedaille auch in dieser Kategorie gewinnt erneut FDP-Mann Sterck mit 49 Nachrichten. Die Zahlen zeigen jedoch, dass die neuen Medien erst recht spät für die eigenen Zwecke genutzt wurden.
Und so richtet sich der Blick auch auf die politischen Parteien und ihre Aktivitäten im Netz. Als Maßgabe dient auch hier die Kommunikationsplattform Twitter. Bei den politischen Parteien und Formationen gibt es eine, die zumindest im Internet inzwischen eine feste Größe geworden ist: die Piraten. Bei Twitter sind die inzwischen die einzige Partei, die mit ihren Kölner Gefolgsleuten die Marke von 1000 "followern" erreicht hat. Auch das Kölner Bürger Bündnis schafft es mit 780 "followern" unter die Besten. Von den großen Parteien sieht man bis dato bei Twitter wenig, zumindest aus deren Kreisverbänden. Einzige nennenswerte Ausnahme sind hier die Kölner Grünen und ihre Jugendorganisation. Mit 512 für den Kölner Kreisverband und 274 für die Grüne Jugend Köln nehmen die Kölner Parteifreunde innerhalb der Bundespartei eine führende Stellung ein, zumindest über den Kommunikationskanal Twitter. Dafür spielen aber Einzelpersonen eine Rolle. Als Beispiel dafür dient der derzeitige Schatzmeister der Kölner SPD, Alfred Schulz, mit 545 "Followern" oder der Bezirksbürgermeister-Kandidatin von Lindenthal, Lisa Steinmann, mit immerhin noch 345 Twitter-Abonnenten.
Direkte Kommunikation mit Kandidaten
Ein anderer Maßstab für die Kommunikation der Kölner Politik – insbesondere der drei OB-Kandidaten aus den Reihen der großen Bundesparteien – bietet das Kommunikationsforum Kandidatenwatch.de. Hier haben die Oberbürgermeister-Kandidatinnen und –Kandidaten seit diesem Sommer die Möglichkeit, vorab überprüfte Online-Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern online zu stellen. Gleichzeitig erhalten die betroffenen Politiker eine E-Mail-Information über die eingegangene Frage. Hier zeigen vor allem die Kölner Kandidaten Spitzenplätze. Eindeutiger Spitzenreiter auf dieser Plattform ist aber ein anderer: Thomas Hunsteger-Petermann tritt für die CDU in Hamm an und beantwortete von den 40 Fragen an ihn bereits 39. Direkt dahinter liegt schon der erste Kölner. Jürgen Roters, Gemeinschaftskandidat von SPD und Grünen, hat 30 der 36 an ich gestellten Fragen beantwortet und liegt damit auf Rang zwei. Die Konkurrenz schläft allerdings auch in diesem Medium nicht. Peter Kurth rangiert mit 28 Antworten (von 32 Fragen) auf dem dritten Platz. Den neunten Platz belegt FDP-Kandidat Ralph Sterck mit 15 Antworten. Bemerkenswert: Sterck ließ keine Frage unbeantwortet. Der vierte Kölner OB-Kandidat, Dr. Martin Müser von der Freien Wählergemeinschaft Kölner Bürger Bündnis (KBB) liegt mit zwölf Antworten auf 13 Fragen auf Rang 13. Einzig der Kandidat der als rechtsextrem eingestuften Formation pro Köln, der Leverkusener Rechtsanwalt Markus Beisicht, taucht in der Liste der befragten Kandidaten nicht auf. Auf Nachfrage der Redaktion bestätigte der NRW-Landesverband der Initiative Mehr Demokratie e.V., dass man den "pro Köln"-Kandidaten wegen offenkundiger Manipulationsversuche aus der Liste der Kandidaten entfernt habe. Die Initiative hilft den Initiatoren der Internetplattform abgeordnetenwatch.de bei der redaktionellen Betreuung der Seite.
Kommentar
Ausgeglichene Verhältnisse. Aber die Bedeutung, die das Internet in den USA beim Präsidentenwahlkampf spielte, hat das Medium hierzulande noch lange nicht erreicht. Dafür sprechen die Medien selbst. So verzeichnen alleine bei Twitter die Spitzenreiter Followerzahlen jenseits der Millionenmarke. Und in der Millionenstadt schafft es nicht einer der Kandidaten auch nur 1000 Abonnenten zu gewinnen. Dabei kostet genau diese Summe an Followern einem Angebot eines Werbespezialisten zufolge gerade einmal 50 Euro. Die Zahlen sind also mit äußerster Vorsicht zu genießen. Dass gerade Piraten und Freie Wähler in der Twitter-Rangliste der Lokalpolitik an der Spitze stehen, ist aber auch ein Hinweis an die etablierten Parteien. Vielleicht noch nicht 2009, aber spätestens 2014 wird das Internet auch im Wahlkampf eine überragende Rolle spielen.
Um zu geeigneten Aussagen oder gar eine Prognose zum Wahlausgang wagen zu können, sind die reinen Internetzahlen natürlich weder repräsentativ noch absoluter Maßstab. Aber sie zeigen einen wichtigen Trend, dem sich auch Politik nicht entziehen kann. Negativ betrachtet ist es die Individualisierung und damit die Atomisierung von Interessen, positiv betrachtet ist es die Mündigkeit und Informationsfreiheit eines Mediums, dass den Kinderschuhen entwachsen und erwachsen geworden ist. Der Internetwahlkampf der politischen Kräfte in Köln ist dabei solide, aber auch ohne größere Highlights. Dabei soll doch nach dem Wunsch einer der größeren Kölner Parteien zufolge gerade der Internetstandort Köln gestärkt werden. Die Parteien selbst könnten mit gutem Beispiel vorangehen. Ob das gelingt, wird nicht nur der Wahlausgang zeigen. Möglicherweise geht es dann auf der einen oder anderen Plattform auch wieder etwas ruhiger zu.

























