27. 05. 2012
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Deutschland siegt im Halbfinale mit 3:2: Ganz Köln feiert
Zehntausende Menschen feierten überwiegend friedlich, auch die Sicherheitsbehörden sprachen von einem relativ ruhigen Abend.
Nur diejenigen, die gegen 23 Uhr mit dem Auto durch die Innenstadt
fahren wollten, sahen sich auf einmal Fahnen schwenkenden Fans
gegenüber, die mitten auf den Hauptstraßen den deutschen Sieg feierten.
Hupende Autos, jubelnde Menschenmassen und die Party geht weiter. Am
Sonntag trifft die Mannschaft von Nationaltrainer Joachim Löw auf den
Sieger des morgigen Halbfinales Spanien gegen Russland. Zum Public
Viewing in und an der Kölnarena kamen nach offiziellen Schätzungen
erneut über 30.000 Fußballfans. Während die Kölnarena selbst komplett
gefüllt war, schauten sich rund 15.000 Fans das Spiel auf der
Videoleinwand an. Die Verantwortlichen vor Ort hatten schon früher als
bisher die Türen zum Gelände und zur Halle selbst geöffnet. Zusammen
mit dem Einsatz von mehreren Hundertschaften Polizei sorgte auch diese
Maßnahme für eine entspannte Atmosphäre, wie es vonseiten der
Verantwortlichen hieß.
Ein unsicheres deutsches Team gewinnt in letzter Minute
Dabei sah es lange Zeit nicht gut für das deutsche Team aus. Vom Start
weg zeigten sich die ersatzgeschwächten Schützlinge von Trainer Fatih
Terim überraschen ballsicher. Bereits nach wenigen Minuten krachte es
zum ersten Mal gegen das Gebälk über Tormann Jens Lehmann, während
Deutschland seltsam unkonzentriert wirkte. Die Folge: Die Türkei ging
völlig verdient in der 22.Minute in Führung. Erneut traf Kazim Kazim
die Latte des deutschen Tors, den Abpraller verwandelte Ugur Boral zur
türkischen Führung. Doch schon vier Minuten später erzielte Bastian
Schweinsteiger seinen zweiten Treffer in diesem Turnier und damit den
Ausgleich. Auch in der zweiten Hälfte bleiben die Türken das
spielbestimmende Team. Doch ihr Torwart Recber Rüstü verschaffte mit
seinem planlosen Ausflug Nationalstürmer Miroslav Klose die Führung. 79
Minuten waren da gespielt. Und als die Fans vor der Videoleinwand der
Kölnarena schon an den knappen und glücklichen Sieg glaubten, schlug
die Türkei erneut erbarmungslos zu. In der 86. Minute traf Semih
Sentürk zum verdienten Ausgleich. Doch statt den Türken hatten die
Deutschen in dieser Partie das bessere Ende für sich. Philipp Lahm
erzielte in der 90.Minute die erneute Führung und damit seine
Mannschaft ins Endspiel am kommenden Sonntag.
Polizei mit Nachspiel zufrieden
Zu den subjektiven Eindrücken der Redaktion, die kaum Spuren von
Gewalttätigkeit im weiten Rund des Areals in und um die Kölnarena
ausmachen konnte, gesellte sich gegen 1 Uhr die erste Zwischenbilanz
der Kölner Polizei. Lediglich 21 Personen mussten bis kurz nach
Mitternacht in Gewahrsam genommen werden. Sieben Festnahmen spielten
sich dabei schon vor dem Anpfiff ab, als die Polizei eine Gruppe von
Hooligans am Hohenzollernring trotz mehrfacher Ermahnungen auflösen
musste. Aus dem Personenkreis kam es wiederholt zu gewaltsamen
Übergriffen. Insgesamt hatten sich rund 50 Personen vor dem Café
versammelt. 30.000 Feiernde auf den Ringen und 6000 weitere auf der
Zülpicher Straße machten die Nacht zum Tag. Polizeibeamte waren vor
Ort, mussten aber kaum eingreifen. Häufiger kamen da schon Krankenwagen
vorbei. Doch auch hier blieb es meist bei leichten Verletzungen bedingt
durch Scherben und Alkoholeinfluss.
Kneipen drehten den Hahn auf
Ein besonderer Treffpunkt war auch am gestrigen wieder die Gaststätte
„Magnus“ an der Ecke Zülpicher Straße / Dasseltstraße. Die Lokalität,
sonst beliebter Treffpunkt von Studierenden, verwandelte sich in ein
karnevalistisches Tollhaus, in dem türkische und deutsche Fans
gemeinsam den Sieg der Deutschen und das spannende Spiel feierten.
Betriebsleiter Resad Karadeniz hatte schon kurz vor Mitternacht mit
seiner Stimme zu kämpfen, äußerte sich aber außerordentlich glücklich
über die gute Stimmung. „Zwei Herzen schlagen in meiner Brust“,
kommentierte Karadeniz das Spiel und musste sich sogleich wieder ums
Geschäft kümmern. Talat Mesud (22), Stammgast im Magnus, war einer der
wenigen, der sich mit türkischer Fahne an die Theke stellte. Er fand,
dass die Türken das bessere Team waren. Aber schließlich musste sich
seine Mannschaft geschlagen geben, wenn auch nur hauchdünn. Seiner
Stimmung tat das jedoch keinen Abbruch, auch er gesellte sich wie
selbstverständlich unter das tobende Partyvolk. Karin Neumeier (24) kam
extra aus Leverkusen nach Köln. „Köln ist zwar nicht die schönste Stadt
in Deutschland. Aber hier kann man am besten nette Leute kennenlernen“,
erklärte die Studentin. Und so ging es hier wie auch in zahlreichen
anderen Kneipen bis spät in die Nacht.
Bilder vom Public Viewing finden Sie in unserer Bildergalerie.
Im Vorfeld hatten nicht wenige Befürchtungen, die aufgeheizte Stimmung
könnte sich an einigen gewalttätigen Fanatikern entzünden und den Spaß
am Spiel und damit den friedlichen Verlauf beeinträchtigen. Die
Skeptiker haben sich getäuscht. Türken und Deutsche feierten am
gestrigen Mittwoch eine Riesen-Party bis spät in die Nacht. Bravo!
Die emotionale aber erfreulich freundschaftliche Presse in beiden
Ländern und Sprachen mag dazu ihren Teil beigetragen haben. Die
grandiose Stimmung zeigte aber noch mehr. Die allermeisten
türkeistämmigen Jugendlichen und Erwachsenen sind längst Teil dieser
Gesellschaft geworden. Integration fängt in den Köpfen an und zumindest
in den türkischen ist diese Einsicht angekommen. In Köln erlebten wir
kein Fest der Völkerfreundschaft, sondern ein Fest der Kölnerinnen und
Kölner, egal welche Wurzeln sie haben. Das ist fast noch mehr Wert als
der Einzug ins Finale.

























