27. 05. 2012
Seite drucken
LG ASV Köln unterzeichnet Anti-Doping-Verpflichtung
Als erster Leichtathletikverein in Deutschland unterzeichneten die weit
über 100 anwesenden Sportler, Trainer sowie die beiden Sportdirektoren
und der Aufsichtsrates eine Verpflichtung zukünftig Doping bereits in
seinen Anfängen zu unterbinden.
Damit zählt der amtierende deutsche Mannschaftsmeister (der Titel wurde
am vergangenen Wochenende errungen) zu den Vorreitern in Deutschland,
wie Dopingexperte Prof. Dr. Georg Treutlein vom Fachbereich
Gesundheitsförderung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg,
bestätigte. Der Unterzeichnung der Vereinbarung, die in zwei
unterschiedlichen
Versionen für Betreuer und Athleten verteilt wurde, ging eine
zweistündige Veranstaltung mit einem Vortrag des Heidelberger
Fachmannes, der selbst seit über 40 Jahren vor allem in der
Leichtathletik ein reichhaltigen Erfahrungsschatz ansammelte, voraus.
In der anschließenden und deutlich kürzeren Frage- und Antwortrunde
gingen die Initatoren auf die Fragen und Anregungen aus dem Publikum
ein.
90-minütiger Intensivkurs in Sachen Doping im Sport
Treutlein nahm in seiner 90-minütigen Vorlesung weder ein Blatt
vor den Mund noch ließ er wichtige Aspekte aus. Ob nun das Fünf- oder
das Vier-Stufen-Modell einer Dopingkarriere, der kurze geschichtliche
Abriss mit den Anfängen beim Einsatz leistungssteigernder Mittel seit
Beginn des vergangenen Jahrhunderts bis hin zu quasi philosophischen
Betrachtungen über den „starken Charakter“; nahezu alle Facetten des
Doping wurden angesprochen und mit Beispielen sowie mehr oder weniger
bekannten Namen konkretisiert.
Doch auf den Kommtar eines jungen Athleten, der den Zusammenhang
zwischen Leistungsdruck, Medizingesellschaft und eigenem Erfolgsstreben
als „Teufelskreis“ bezeichnete, folgte gleich eine ganze Palette an
Erklärungsansätzen, Tipps und Forderungen der auf dem Podium
versammelten Sportkompetenz. „Das müsse jeder selbst wissen, was er mit
seinem Körper anstelle“, erklärte beispielsweise der Heidelberger
Dozent. LG
ASV-Sportdirektor Harald Rösch versprach mehr „Rückendeckung“ seitens
der Verantwortlichen und empfahl sich als Vertrauensperson, „wenn
jemand ein Präparat verabreichen will ohne zwingende Notwendigkeit. Wir
wollen das nicht“, so der Sportdirektor weiter. Aufsichtsrat und Ex-RP
Roters zog sogar den „Leistungsfetichismus“ in Zweifel und forderte
angemessenere Normen. Und Dopingexperte Treutling bemängelte die
organisierte Verantwortungslosigkeit, die sich bereits im deutschen
förderalistischen System mit seinen unterschiedlichen Zuständigkeiten
von Landes- und Bundesebene zeige.
Pro und Kontra
Dabei wurde bereits in einer "Aufwärmrunde" ganz zu Beginn der
Veranstaltung das Für und Wider beim Thema Doping ausgesprochen. Im
Vorfeld seines eigentlichen Vortrages erwiderte Treutlein auf genau die
gleichen Argumente die Antworten aus der Perspektive eines
Doping-Befürworters. Und auch diese Argumente klangen auf erstes
Zurufen hin logisch, nachvollziehbar, ja hatten sogar etwas
„Schlagfertiges“. Es sei ja alles nicht so schlimm, immerhin werden
leistungssteigernde Mittel unter der Aufsicht kompetenter Mediziner
verabreicht. Wer nach seinem Trainingslager oder nach einer Verletzung
auf einmal körperliche Veränderungen bei seinen Konkurrenten
feststellt, müsse mit Doping seinen Anspruch auf Gleichberechtigung
durchsetzen. Schließlich mache das die Konkurrenz ja
auch. Und überhaupt: Doping ist medizinisch kontrollierbar und weit
weniger gefährlich als Zigaretten- oder Alkoholkonsum, so einige
Argumente
der Befürworter. Dass der Sportler zunächst sich, aber zugleich auch
die Öffentlichkeit betrügt, teilte Treutlein seiner Zuhörerschaft erst
etwas später mit. Die anwesenden Jungendlichen und Junioren nahmen das
in ihren anfänglichen Argumenten für ein Verbot von Doping aber bereits
beim "Aufwärmen"
vorweg. Und die Meinungen ließen keine Zweifel zu. Doping in ihrem
Leichtathletikverein wolle man nicht, weder vonseiten der Athleten noch
vonseiten der Eltern. Schließlich gehe es um die Glaubwürdigkeit des
Sports und die Sicherheit, die eigenen Kinder vertrauensvollen
Trainerinnen und Trainern zu übergeben, denen es nicht nur um
Höchstleistung, sondern vor allem um Gesunderhaltung gehe. Wo also muss
man ansetzen, um den Nährboden für Doping zu entziehen, bevor er
entstehen kann.
Schleichender Prozess
Das Fatale und zugleich Schwierige an der Situation im Umgang mit
Doping ist der „schleichende Fortgang“ dieses Prozesses. Doping fällt
nur in den seltensten Fällen mit der Tür ins Haus. Zumeist, so weiß der
Doping-Experte aus Heidelberg, werden die Nachwuchsathleten mit
erlaubten, aber leistungssteigernden Mitteln und Präparaten geködert.
Kommt es dann zu einer Formkrise oder zu einer Verletzung, folgt häufig
der zweite Schritt, bis sich der Athlet oder die Athletik schließlich
mitten im bereits beschriebenen Teufelskreis befindet. So lassen sich
auch tränenreiche Bekenntnisse wie die des Radsprinters Erik Zabel
erklären, weil die meisten "Doper" bei ihrem Betrug ein schlechtes
Gewissen haben. Die Lösung klingt aus Sicht der Experten zwar einfach
und
einleuchtend, ist jedoch in der praktischen Vermittlung ungleich
schwieriger zu vermitteln. „Wir müssen Sie stark machen, auch Nein zu
sagen“, bringt es Treutlein auf den Punkt. Dabei hilft sowohl eine
Ausbildung oder ein Studium als „zweites Standbein“ ebenso wie ein im
wahrsten Sinne des Wortes „gesundes“ Selbstbewusstein. Die mediale
Durchdringung, die von jungen Athleten bereits nahezu perfekte
Medienrepräsentanz und zugleich fundierte medizinische Kenntnisse
verlange, sei dabei schon ein wenig „ungerecht“ und erhöhe zusätzlich
den Druck. Die Verpflichtung soll dabei helfen, beiden Seiten einen
Verhaltensleitfaden an die Hand zu geben, der an die eigentlichen
Ursachen des Dopings präventiv und offensiv angehen soll und dabei
Athleten, Trainer und Vereinsobere gleichermaßen in die Pflicht nimmt.
Je mehr Vereine sich dieser Initiative anschließen, desto effizienter
könne man das Ansinnen auch in die nationalen Verbände tragen, hofft
Treutling. Das dürfte dem streitbaren Professor nicht fremd sein. Schon
mehrfach standen Treutling und seine engsten Mitstreiter in der Kritik,
weil sie sich mit Erklärungen oder Forderungen wie der nach zwei
Verbänden für Amateur- und Profisportler den Unmut der
Dopingbefürworter zugezogen haben. Und die behielten in den
entschiedenden Gremien und vielen Vereinen immer wieder die Oberhand.
Kommentar der Redaktion
Man kann sich die Schlagzeile schon jetzt vor Augen führen:
„Leichtathleten gehen bei Olympiade leer aus - Ist der deutsche
Hochleistungssport am Ende?“. So könnten die Aufhänger auf der ersten
Seite bekannter Boulevard-Blätter bereits in wenigen Monaten klingen
und damit die gesamte Diskussion um Für und Wider in Sachen Doping
in den Fokus medialer Öffentlichkeit rücken. Der strahlende
Olympiasieger war schon immer der Held und der Vierte der "Loser",
trotz möglicher persönlicher Jahresbestleistung. Es blieb nur die
häufig geheuchelte Anerkennung, das Treppchen knapp verpasst zu haben.
So grausam sind die
Gesetze des Sports und der Hochleistungssport macht da keine Ausnahme.
Ganz im Gegenteil: Die Konsequenzen aus Sieg und Niederlage sind im
Hochleistungssport sogar monetär spürbar und können über Existenzen
entscheiden. Während der vermeintlich „gedopte“ Sieger nach seinem Sieg
für
Vitamindrinks und Sportkleidung gegen große Gage sein ohnehin bereits
bekanntes
Gesicht gewinnbringend vermarkten darf, muss der Vierte wieder zurück
in seinen Job
oder für die Abschlussprüfung büffeln. Liegt der kleine Unterschied
zwischen Sieg und Niederlage gar an leistungsfördernden Mitteln, die
der Sieger verbotenerweise eingenommen hat, wird die Sache richtig
bitter. Der Verzicht und das Engagement
der "Ehrlichen" erfordert Standhaftigkeit, Mut und einen Charakter wie
ein „Fels in der
Brandung“; Eigenschaften, die in Schulklassen oder Unternehmen, sprich
im gesellschaftlichen Alltag außerhalb des Sports, nicht immer
vorbehaltlos gefördert werden.
Der Wert einer solchen Selbstverpflichtung soll hier nicht in Abrede
gestellt werden, aber man muss schon zugestehen, dass der Zeitpunkt
der Unterzeichnung geschickt gewählt wurde. Die LG ASV Köln haben vor
einer Woche den deutschen Mannschaftsmeister-Titel sowohl bei den Damen
wie auch bei den Herren geholt und das – man muss es nicht extra
betonen – mit sauberen Mitteln. Einigen Lokalmedien war diese Meldung
allerdings weniger wert als die Ergebnisse der Herren-Bezirksliga im
Fußball-Verband Mittelrhein, wie ein Verantwortlicher nicht ganz zu
Unrecht kritisierte. Zwar fehlten bei den Meisterschaften auch
einige Spitzenathleten und Clubs und die Leistungen sind im
internationalen Maßstab kaum der Rede. Das soll den nationalen Erfolg
keineswegs schmälern. Das Beispiel zeigt vielmehr, dass sportlicher
Erfolg ohne Doping
durchaus möglich ist. Doch wer jetzt jubelt, springt zu kurz und wird
schnell von der Realität eingeholt. Solange
Ärzte, Betreuer und Verbandsfürsten, die dem Doping internationale
Notwendigkeit und medizinischer Unbedenklichkeit bescheinigen, mit viel
zu milden Strafen davon kommen, steht zu befürchten, dass das Signal
der heutigen Selbstverpflichtung untergeht, bevor es überhaupt von
einer breiteren Masse zur Kenntnis genommen wurde. Die
„schwarzen Schafe“ sind auch in Deutschland keineswegs von der
Bildfläche verschwunden, sie sind immer noch aktiv als Mediziner,
Betreuer, Trainer oder Verbandsobere. Die Gefahr ist mit einem
unterschriebenen
Blatt Papier also keineswegs gebannt, Vorbilder müssen gelebt und mit
Leben gefüllt werden.
Man muss den Initiatoren hoch anrechnen, dass sie mit kompetenter
Unterstützung aus Heidelberg den Versuch unternommen haben, die
Untiefen des Missbrauchs und der schlechten, weil verlogenen, Vorbilder
wenigstens ansatzweise fassbar gemacht zu haben. Aber der Weg zum ehrlichen
und erfolgreichen Sport wird (nicht nur in der Leichtathletik) weder
der einfachste noch der bequemste sein. Der „ehrliche“ Sportler braucht
also auch den „aufrechten“ Funktionär, um in der Krise nicht den Verlockungen des
Dopings zu verfallen. In diesem Falle würden die betroffenen Sportler selbst zu
„falschen (weil verlogenen) Vorbildern“. Insofern ist die
Selbstverpflichtung ein richtiger Schritt, weil sie an die Ursachen
herangeht und Doping nicht zum Einzelfall eines „schwachen Charakters“
abstempelt. Man kann den Verantwortlichen nur wünschen: Möge der
„Ehrliche“ in diesem Fall eben nicht der „Dumme“ sein, um abschließend
einen bekannten Bestseller-Titel zu zitieren. Am vergangenen Wochenende
jedenfalls war der „Ehrliche“ der „Sieger“.

























