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27. 05. 2012
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Gamescom 2011: Eine Branche wird erwachsen


18.08.2011 00:05 von:

Schlagwörter: Köln,Gamescom,2011,August,Eröffnung,Leitartikel,Branche,Erwachsen,Marktreife

(rk) Das Bild, das gängige Klischee passt nicht mehr. Wer dieser Tage durch die Kölner Innenstadt, insbesondere auf der rechten Rheinseite über die Straßen geht, wird viele, junge Menschen sehen, die leger und locker gekleidet das Bild in den Kölner Straße zu bestimmen beginnen. Das Bild des gebannt auf Monitore starrenden Problemkindes oder –jugendlichen, der sein Selbstbewusstsein in virtuellen Welten zu suchen scheint, bestimmen immer noch in vielen Köpfen das Bild der Gamer. "Nicht erwachsen" oder gar "lebensuntauglich", so das gerne aus der Mottenkiste der Vorurteile gekramte Klischee. Immer mehr Menschen nennen PC oder Konsole ihr eigen, freuen sich in langen mitternächtlichen Schlangen auf die Erstausgabe des "Updates" und daddeln, bis Psychologen und Therapeuten eingreifen müssen. Und am Ende – wenn es mal wieder passiert – dient das altbewährte "Killerspiel" den dem Konservativen entwachsenen Hardliner als alleinige Erklärtung für Gewaltausbrüche. Eine reichlich schlichte Vorstellung der Realität, wie sich dieser Tage im Epizentrum der Spieleindustrie, der Kreativ- und Medienstadt Köln zeigt.

Grund dafür ist die dritte Ausgabe der internationalen Leitmesse für die Spieleindustrie Gamescom. Am heutigen Mittwoch war der erste Tag und das Medieninteresse war groß, fast 5000 Journalisten haben sich akkreditieren lassen und senden von Köln aus die Nachrichten in die Welt. 550 Aussteller aus 39 Ländern warten auf mehr als eine Viertel Million Menschen aus aller Welt. Selbst am frühen Abend, des Fachbesuchertags war eine Menge los in den Hallen, getanzt wurde bis 18 Uhr. Und weil die Leitmessen der Kölner Messegesellschaft, neben der Gamescom sind das unter anderem die internationale Möbelmesse imm Cologne und die Ernährungsmesse ANUGA, auch mit der Stadt vernetzt werden sollen, startet am kommenden Freitag gleich noch ein Ringfest. Nicht alle sind davon begeistert, aber dazu später mehr.

Widmen wir uns erst mal den Daten. Nie war ein Gamescom größer als in diesem Jahr. Selbst Größen wie Sega sind wieder zurück in der Domstadt, nachdem sie im vergangenen Jahr nur als Fachbesucher an den Rhein kamen. Aber wer nun Tausende von "freaks" oder "nerds" erwartet hat wird das Kommando "Abteilung Kehrt!" ausführen müssen. Das bestätigte auch – fast schon traditionell – die nordrhein-westfälische Landesregierung. Ob unter der ehemaligen CDU-FDP-geführten oder der jetzigen, rot-grünen mit der einen Stimme, die fehlt. Die Position ist die gleiche. Die Spieleindustrie ist fester Bestandteil des Medienbundeslandes NRW und damit auch und vor allem der Medienstadt Köln, die demnächst oder schon "Internetstadt" ist.

So setzt die Branche in großen Teilen auf neue Märkte und Möglichkeiten bei den Browser- oder Online-Games. Das ermögliche völlig neue Geschäftsmodelle. Wer bereits starke Marken auf dem Spielemarkt positioniert hat, dürfte es dabei etwas leichter haben. Selbst der gute alte "Sonic Hedgehog" ist in neuem Gewand, mit neuer Technik und in neuen virtuellen Welten wieder am Start. Über 300 Welt-, Europa- und Deutschland-Premieren buhlen um die Aufmerksamkeit der erwarteten über 250.000 Besucher, die ab morgen Zugang zu den heiligen Gamehallen am rechten Kölner Rheinufer haben. Am Wochenende steht der Innenstadt zudem eine Vollsperrung ins Haus; positiv ausgedrückt: Es gibt eine Renaissance des früheren Ringfestes mit Bühnen, Live-Musik und – natürlich – jeder Menge Werbung für Spiele und die Gamescom.

Die Branche selbst übt sich in Zweckoptimismus. Vorbei sind die Zeiten, als die Spieleindustrie ein Markt mit zweistelligen Zuwachsraten war. Konsolenspiele gingen im ersten Halbjahr sogar um zwei Prozent zurück. Nur dank des moderaten Wachstums bei PC-Spielen und eines deutlichen Wachstums bei mobilen Anwendungen kann die Branche unterm Strich ein leichtes Umsatzplus erzielen. Unternehmensberater und Wirtschaftswissenschaftler nennen so eine "performance" wohl "Marktreife". Da tut der "relaunch" gut, bevor der Markt insgesamt den Abwärtsgang einlegt. Und genau davon gibt es derer gleich Hunderte. Bis zum Jahresende gehen die Verantwortlichen daher von einem weiteren Anstieg der Wachstumsdynamik aus, nicht zuletzt auch dank der vielen Neuerungen, die nun auf der Gamescom erstmals der interessierten Konsumentenschar vorgestellt werden. Die Kölnmesse und ihr Partner, der Bundesverband, reagierten und schufen Neues. Die Gamescom-Awards werden schon am ersten Abend verliehen. Mit Großbritannien hat man sich den mächtigsten Markt Europas zum Exklusivpartner gemacht. Ein Gamescom Campus und ein Familientag am Sonntag sollen zusätzliche Zielgruppen für die Spielewirtschaft gewinnen. Wenn das nicht gelingen sollte, dient die Gamescom immerhin dem Abbau von Barrieren, auch in den Köpfen.

Ist die Spieleindustrie nun wirklich erwachsen geworden?. Wer den Spielen die Schuld an so manchem Unglück gibt, dass die Gesellschaft hin und wieder über die Medien mitbekommt, der sollte dringend nach Köln reisen. Hier wird sie oder er sehen, das der pizzaessende, lebensuntaugliche "nerd" oder gar der "gewaltbereite potentielle Straftäter" gar nicht zu sehen ist. Die Gamer-Community ist eher zersplittert, in ihrer Gesamtheit wohl aber eher ein Abbild der gesamten Gesellschaft als das in den Massenmedien abgebildete "Zerrbild" einer mit Sucht und Gewalt gleichgesetzten Marotte. Viele sind vielleicht einfach nur jung im Kopf geblieben. Längst haben Studien unter Beweis gestellt, dass die regelmäßige (auch spielerische) Beschäftigung die Gehirnfunktionen verschiedener Areale anspricht, folglich gutes tut. 91-Jährige, die auf ihre alten Tage an deutschen Meisterschaften im Wii-Bowling teilnehmen, belegen das eindrucksvoll. Und Profi im elektronischen Sport wird man nicht nur durch stundenlanges Abhängen, sondern durch Training und Talent, nur ein Prozent aller Spielerinnen und Spieler schaffen den Sprung. Im richtigen Profisport ist das kaum anders. Längst ist die in Köln ansässige European Sports League (ESL) anerkannte Sportart mit inzwischen ansehnlichen Preisgeldern. Und war nicht Köln der Standort für das erste Vereinsheim eines e-Sport-Vereins?

Aber das alles braucht man in NRW glücklicherweise nicht zu betonen. Das ist Konsens auch unter politischen Kontrahenten und damit eines der wenigen Themen, in denen alle Parteien an einem Strang ziehen. Man wünscht sich manchmal, auch die selbsternannten "Hardliner" würden sich das zu Gemüte führen. Die Gamer von heute haben ein "smartes phone", sind mobil, spontan, kreativ und tragen auch mal Nadelsteifen oder Business-Suits auf. Was müsste man noch tun, um als "erwachsen" bezeichnet zu werden?







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