27. 05. 2012
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Weltverbesserer oder der Kampf gegen Gewaltverherrlichung?
(rk) Die Spieleindustrie und mit ihr Tausende Spielebegeisterte aus aller Welt kommen nach Köln und testen die vielen Neuheiten und Weltpremieren dieser dynamischen Branche. Die Stadt und ihre Messegesellschaft präsentieren sich dabei als Innovatoren, eine Art zweites Ringfest soll auch dem breiten Kölner Publikum das Messethema näher bringen, die Aufzählung der vielen Neuheiten dürfte sogar den Rahmen eines einzigen Internet-Artikels sprengen. Und doch gibt es wieder die Reflexe derjenigen, die die Spieleindustrie mit Argwohn und Skepsis betrachten. Dass die Kritik dabei in diesem Jahr nicht nur aus der streng konservativen Ecke sondern ausgerechnet aus der Mitte der bürgerlichen Parteien kommt, wirft ein bezeichnendes Bild auf eine sich immer weiter differenzierende Gesellschaft. Konsens in der Sache scheint unmöglich. Ob Panzer oder Kampfjet, einige scheinen auch in wohlschmeckenden Speisen immer etwas zu finden, was ihnen den Geschmack verdirbt. Gewalt aber hat viele Ursachen, die Darstellung von Kampfjets oder Panzern auf öffentlichen Straßenbahn dürfte da eher ein geringeres Problem sein.
Die Frage nach den Ursachen von Gewalt
Längst ist bekannt, dass die angeblich gewaltverherrlichenden Darstellungen in Spielen nur einer von vielen Aspekten ist, die bei Gewalttätern und Amokläufern zum Tragen kommen. Alleine erklärend sind sie nicht, selbst beim Herstellen eines direkten Kausalzusammenhangs tun sich Wissenschaftler schwer, den klaren Beweis zu führen. Und doch macht es den Anschein, dass der Reflex gegen die Darstellung von Gewalt im Spiel keineswegs aus der Welt geschafft wird, genauso wenig wie die physische Gewalt selbst, wie die Ausschreitungen in britischen Großstädten uns gerade wieder mit drastischen Bildern vor Augen führten. Ob beides einen Zusammenhang offenbart, ist umstritten und nach wissenschaftlichen Kriterien wohl nicht zweifelsfrei geklärt. Dass allzu brutale Darstellungen auch in Deutschland indiziert werden und jedes neue Spiel von Medienopädagogen hinlänglich geprüft wird, sei nur am Rande erwähnt. Das ist der Grundkonsens, aber damit hat es sich offenbar auch schon.
Der Gewaltbegriff
Und doch ist es eine müßige Diskussion. Waren es nicht Vertreter der Anti-Nachrüstungspartei im Jahr 1998, die den ersten militärischen Einsatz der Bundeswehr befohlen haben? Müssten, um der Argumentation der Kritiker zu folgen, nicht auch Spielfilme wie "Stirb langsam", "From Dusk Till Dawn" oder gleich das ganze Genre der Kriegsfilme wegen angeblicher Gewaltverherrlichung verboten und aus den öffentlichen Kinos und dem Abendprogramm verbannt werden? Auch für Profi-Boxer wie Felix Sturm oder die Klitschko-Brüder dürfte es bei dieser Argumentation eng werden, ihre Kämpfe dürften nicht mehr ausgestrahlt werden, schließlich verdienen sie mit der Gewalt ihrer Rechten und Linken ihr Einkommen. Und wenn wir schon den Begriff der Gewalt auf den Kierkegaardsche Definition der "strukturellen Gewalt" erweitern, müssten wir nicht sofort alle bei Textilfilialisten und Discountern erworbenen Kleidungsstücke zurückgeben, profitieren wir doch von dieser "Marktmacht", jener strukturellen Gewalt, die eigentlich nicht gewollt ist, die aber unserer Gesellschaft dieses Leben im Überfluss beschert? Und ist nicht auch das allseits beliebt iPhone Auslöser für heftige Kritik an den Arbeitszuständen in den Fabriken des chinesischen Partners. Tatsächlich ist der Reichtum und Überfluss in unserem Land die Armut so vieler anderer Länder. Wer die Welt an dieser Stelle verbessern will, müsste auf viele liebgewordene Dinge verzichten. Widerspruch, Dilemma?
Widersprüche einer demokratischen Gesellschaft
Es ist bekannt, dass demokratisch verfasste Gesellschaften mit Widersprüchen dieser Art umgehen müssen. Hier sind die Bürgerinnen und Bürger gefragt und die sind mehrheitlich eher pragmatisch eingestellt, auch wenn der wissenschaftliche Beweis ungleich schwieriger zu führen sein wird wie der über den Kausalzusammenhang von "Killerspiel" und "Gewaltexzess". Was bleibt, ist das tumbe Gefühl, dass die Maßstäbe verrutschen. Und nicht wenige Spiele-Kritiker, die sich von Klischees beeinflussen lassen, mussten nach engerer Beschäftigung einräumen, dass die Schwarz-Weiß-Einteilung der Welt in Gut und Böse der Sache wenig gerecht sind. Das haben die vielen Versanstaltungen am Rande von Spielemessen und ESL-Finals hinlänglich bewiesen. Nicht zum ersten Mal machen es sich die Kritiker zu einfach, wenn sie Gewalt in der Gesellschaft auf einen einzigen Aspekt reduzieren wollen und dabei vergessen, dass das Leben ganzheitlich gedacht werden muss. Killerspiele machen aus einem Jugendlichen keinen Amokläufer, jedenfalls nicht ursächlich. Die dürften eher in anderen Persönlichkeitsmerkmalen liegen, der Suche nach Anerkennung, dem Frust, wenn man erkennen muss, dass man seine Träume eben nicht verwirklichen kann oder schlicht Gewalt im eigenen Umfeld, in der Familie, in der Schule in der Clique usw., von der Einkommensschere und der ungleichen Verteilung des Volkswohlstands ganz zu schweigen. Die Debatte zeigt eigentlich nur die Hilflosigkeit und Kurzatmigkeit der Weltverbesserer. Trotzdem tun die Befürworter von Computerspielen, auch den nicht indizierten Ego-Shootern oder Kampfspielen, gut daran, ihre Aufklärungsarbeit fortzusetzen. Das tun sie bereits seit mehreren Jahren und das ist gut, allen Unkenrufen zum Trotz. Den Kritikern mag man zurufen: Lasst dir Kirche im Dorf? Den Befürwortern: Entweiht sie nicht! Ein Konsens ist das nicht, aber die Kirche bleibt, wo sie ist.
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