27. 05. 2012
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IHK-Jahresbilanz 2010: Die Konjunktur, das Rheinland und der "Wutbürger"
Die Kölner Industrie- und Handelskammer geht mit viel Optimismus in das neue Jahr 2010. Das bestätigte am heutigen Dienstag der Hauptgeschäftsführer der Kölner Industrie- und Handelskammer IHK, Dr. Herbert Ferger. In der Jahresbilanz der Kammer stand natürlich die konjunkturelle Entwicklung im Mittelpunkt der Betrachtung. "Ich muss zugeben, die IHK war erheblich skeptischer, wie schnell der Aufschwung stattfand", erklärte Ferger. Tatsächlich hatten die Auguren noch zu Jahresbeginn prophezeit, dass nach den historischen Verlusten im Krisenjahr 2009 die Aufholjagd wohl erheblich länger dauern werde. Allerdings wurden die Prognosen der eigenen Experten schnell von der Realität überholt. Insbesondere im Verarbeitenden Gewerbe gab es enorme Zuwachsraten und so konnte die Kammer in den drei Konjunkturumfragen des Jahres jedes Mal Steigerungen bei den entsprechenden Indices verkünden. Alleine im zweiten Quartal 2010 habe sich die Wirtschaftsleistung um 2,3 Prozent erhöht, im dritten Quartal lag die Steigerungsrate immerhin noch bei 0,7 Prozent. Das sei der stärkste Anstieg seit 1990 gewesen.
Risiken bleiben
Aber trotz der positiven Entwicklung gebe es immer noch Unternehmen und Betriebe, die noch immer unter den Folgen der dramatischen Umsatzeinbrüche aus dem vergangenen Jahr zu leiden haben. Als positiv bewertet der Kammergeschäftsführer die Tatsache, dass der Aufschwung inzwischen zunehmend auch von der Binnennachfrage getragen werde. Doch die Risikofaktoren, wie die wirtschaftlichen Ungleichgewichte der europäischen Volkswirtschaften, die Risikopotentiale für die Gemeinschaftswährung Euro nach sich ziehen, sind keinesfalls aus der Welt. Hinzu komme, dass zahlreiche Unternehmen mit einer miserablen Bilanz für das Jahr 2009 in Kreditverhandlungen mit Banken eingetreten sind. Als derzeit drängendstes Problem stuft die Kammer die Verfügbarkeit von Rohstoffen ein. Das bestätigten auch die Kammermitglieder, die dieses Problem mit 91 Prozent am häufigsten benannten. Auch der drohende Fachkräftemangel ist angesichts der spürbaren Erholung wieder mit Vehemenz in das Bewusstsein der Unternehmensverantwortlichen gerückt. Trotzdem überwiegt die Zuversicht. "Ich reibe mir heute noch die Augen. Das war so schön, dass man es kaum glauben kann", so das Fazit Fergers.
Neue Impulse für die interkommunale Zusammenarbeit
Regelrecht euphorisch zeigte sich Ferger über eine andere wichtige Entwicklung. So wurde auf der diesjährigen Gewerbeimmobilienmesse Exporeal in München im Oktober unter anderem eine neue Stufe der interkommunalen Zusammenarbeit gelegt. Die Kammern selbst haben bereits zuvor den Boden dafür bereitet. Seit inzwischen mehr als zwei Jahren arbeiten die fünf Kammern des Rheinlands in verschiedenen Projekten zusammen. So gibt es im Rahmen dieser Zusammenarbeit bereits seit Jahren einen gemeinsamen Konjunkturbericht sowie – kürzlich vorgestellt – ein gemeinsames "Verkehrsleitbild". Allerdings fehlte es bislang am politischen Willen der kommunalen Verantwortlichen, der Zusammenarbeit der regionalen Wirtschaft auch eine interkommunale Komponente beizufügen. Die Begegnung auf einem Rheinland-Empfang in München am Gemeinschaftsstand der Region Köln/Bonn aber sei so etwas wie ein "Durchbruch" gewesen, konstatierte der IHK-Hauptgeschäftsführer. Noch kurz vor der Veranstaltung sei man unsicher, ja fast ein wenig "beklommen" gewesen. Doch der Verlauf der dortigen Veranstaltung endete mit einer konkreten Verpflichtung der beiden "Lokomotiven" Köln und Düsseldorf, die Zusammenarbeit auf eine neue Stufe zu stellen. Zunächst ist geplant, im Vorfeld der nächsten Expo Real im Oktober eine "Regionalkonferenz" durchzuführen. Die solle symbolträchtig auf einem Rheinschiff stattfinden, gab Ferger bekannt. Auch der Vorstoß der Kommunen entlang der Rheinschiene, zukünftig auf Landesebene eine "Metropolregion Rheinland" zu etablieren, sei mehr als begrüßenswert aus Sicht der Wirtschaft, schließlich müsse die Zusammenarbeit vor allem zwischen den Städten und Gemeinden stattfinden. "Ohne die Kommunen geht es nicht", so der Appell Fergers. Auf einen bürokratischen Überbau, ähnlich dem des RVR im Ruhrgebiet, wolle man aber bewusst verzichten. Im Rahmen der Fortschreibung des Landesentwicklungsplans (LEP) für das Jahr 2025 habe sogar der neue NRW-Wirtschaftsminister Harry K. Voigtsberger bereits positive Signale ausgesendet. Bislang lag die Verantwortung dafür bei der Staatskanzlei des Ministerpräsidenten. "Die IHKs werden das intensiv befördern", versprach Ferger.
Wie verlässlich kann Politik sein?
Doch die Aussichten sind – trotz Konjunktur und dem Willen zur Zusammenarbeit – keineswegs nur rosig. Die Debatte um das Großprojekt "Stuttgart 21" hatte für Ferger in diesem Jahr einen eher schalen Beigeschmack. Was für Befürworter plebiszitärer Elemente wie ein wichtiger Etappensieg hin zu mehr Bürgerorientierung aussieht, hat in den politischen Schaltzentralen für große Verunsicherung gesorgt. Allerdings ist die Verlässlichkeit politischer Entscheidung, zum Beispiel bei großen und damit wichtigen Infrastrukturprojekten, eine unbedingte Voraussetzung für den Wirtschaftsstandort. "Das Gegenteil würde Unternehmen aus NRW vertreiben. Das muss verhindert werden", forderte Ferger. Wie das funktionieren soll, ließ der IHK-Verantwortliche jedoch offen. So gibt es schon jetzt im Rahmen des Baurechts sowie bei Planfeststellungsverfahren Möglichkeiten zur Beteiligung der Bürger. Nur wurde bislang kaum Notiz davon genommen. Erst wenn die Bagger anrollen, formiert sich der Widerstand. Inzwischen zeigen sich auch die politisch Verantwortlichen zunehmend "verunsichert", Ein möglicher Schritt wäre es, die Mitarbeiter des eigenen Unternehmens zu "Lobbyisten in eigener Sache" zu machen, sie mit Argumenten auszustatten und so die öffentliche Debatte zu bereichern. Man müssen die "große Mehrheit der Schweigenden und Passiven aktivieren", empfahl Ferger abschließend.
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